Die Läden meiner Kindheit

Ein Erzählprojekt im Teestübchen Trithemius.

Dieser Eintrag ist Teil eines Erzählprojekts von Jules van der Ley. In seinem Blogeintrag „Die Läden meiner Kindheit“ erklärt er dazu Intention und Motivation. Dort findet ihr auch weitere Links zu anderen Erinnerungen und Geschichten.
Ein Blick dort hinein lohnt sich auf alle Fälle.

Da sitze ich und habe mich durch ein paar fremde Läden und Erinnerungen gelesen.
Meinen Einstieg fand ich dann bei der Erzählung von Heinrich, denn mir ergeht es ähnlich, viele meiner Erinnerungen bauen sich erst über die Nase und Erlebnisblitze wieder auf. Manche Bilder werden mit der Zeit wieder scharf und finden wie ein altes Foto ihre Farbe und Räumlichkeit wieder. So habe ich mich hingesetzt mit dem Ziel, mit den Tasten einfach einmal meiner Nase zu folgen.
Und da kommt er schon, der erste bleibende Duft meiner Kindheit, windet sich innen an den Nasenflügeln entlang und schenkt mir Veilchenpastillengeruch, eine meiner stärksten Erinnerungen an meine Urgroßmutter. Ich atme tief ein und da sind sie schon die Bilder:
Dunkles Holz herrschte vor, doch die hohen weißen Wände und die stuckverzierten Decken ließen ihm den Platz den es brauchte, um seine Bedrohlichkeit zu verlieren. Da alle Frauen hier arbeiteten, saß ich, 4 oder 5 Jahre alt, oft alleine im Turmzimmerchen und träumte davon, wie Rapunzel mein Haar aus dem Erkerfenster herabzulassen. Ein runder gemütlicher Raum mit kleinen Tischen und einem großen Sofa. Auf der Mitte des kleinsten Tisches thronte das Ziel meiner Begierde, eine kleine blauweiße Porzellanschale mit geschlossenem Deckel. Sie gehörte meiner Urgroßmutter und nur ich hatte ihre Erlaubnis, sie zu öffnen. Wenn ich den Deckel hob, drang der Duft von Veilchenpastillen in meine Nase und kurz darauf sprang eine erste Pastille wie von alleine in meinen Mund. Diese Porzellandose gefüllt mit Veilchenpastillen war gefühlt der erste Laden, den ich betrat und der mich mein Leben lang an meine Urgroßmutter erinnern sollte.

Und während ich schreibe, lutsche ich vergnügt eine Veilchenpastille und genieße den Duft, der mich direkt weiter führt in die Grundschule. Ich hatte Freude daran, dass ich wusste was eine Süßholzwurzel ist und kaufte mir, damals noch für Pfennige, ab und an eine solche. Ich liebte den Moment, wenn sich alles erstaunt um mich versammelte, weil jemand rief: „Jetzt kaut sie ja schon wieder Äste.“ Ein paar meiner Freunde teilten irgendwann meine Leidenschaft und so stiegen die Verkaufszahlen für die geheimnisvolle Wurzel, die wir, wenn ich es richtig erinnere, damals in der Apotheke kauften.
Da ich Einblicke sowohl in der Großstadt als auch auf dem Land hatte, schlagen meine Erinnerungen Haken. Und doch ist mir auch der Süßwarenladen in der Stadt in Erinnerung geblieben. Ein schmaler Gang, ein undefinierbarer Geruch, der einen für fast alles begeisterte, rechts und links die Wände hoch Schütten mit allen erdenklichen Süßwaren. Anfassen durfte man nichts, aber die alte Dame mit der Schürze sauste von Schütte zu Schütte und ab und an gab es auch ein wenig mehr. Damals dachte ich, sie lebt in dem Laden, und an manchen Tagen habe ich sie darum beneidet. Zumeist wenn meine eigenen Vorräte zur Neige gingen.
Ich nahm immer dasselbe, winziges Gummikonfekt und nur aus einem Grund. In der Mischung befanden sich auch ein paar klitzekleine nach Lakritz schmeckende, die sich als Genusshappen bis zuletzt in der Spitze der Tüte sammelten und wie ein Schatz von mir gehütet wurden. Meine Freude an Lakritze ist mir bis heute geblieben, sie führte mich über Salmiakpastillen, Stangen und Schnecken immer wieder in Läden, in denen ich hoffte, auf neue Kreationen zu treffen.
Vor oder Nachteil meiner Kindheit war, dass ich meine kleinen Papiertüten zumeist für mich allein hatte, denn anderen Lakritzliebhabern bin ich im Laufe meines Lebens nur selten begegnet.

So merke ich selbst gerade, wie sich der Lakritzduft heute bei mir über alles andere legt. Vanillemilch, die es bei mir bis heute zu Laugenbrezeln mit Butter gibt, Metzgereibesuche, die mir bis zum Himmel gestunken haben, da ich zu den Kindern gehörte die Fleisch und Wurst nicht riechen und nicht essen wollten, was meine Mutter fast in den Wahnsinn trieb und Unverständnis bei den Verkäufern verursachte, die mir immer wieder scheibenweise Wurst über die Theke reichen wollten. Der Demeter Hof, den ich liebte weil hier alles einfach lecker roch und das Brot so ganz anders war als ich es davor kannte. Da ich das Brot meist tragen durfte, passierte es schon mal, dass ein Eckchen fehlte bis wir zu Hause ankamen.

Vielleicht muss ich mich dem Thema doch anders nähern als nur mit der Nase, denn der Geruch des kleinen Papierladens, des Spielwarenladens, des Schusters, des Pferdezubehörgeschäft, des Eisenwarenladens, müssen besonders tief eingeatmet werden, damit sie beim ausatmen ihren Weg über meine Lebensmittelerinnerungen hinaus wieder finden und ordentliche Bilder erzeugen.

An den Schokoladenladen meiner Urgroßmutter habe ich selbst keine Erinnerung, denn damals gab es mich noch nicht. Und ich bin dankbar, dass sie für mich in meiner Erinnerung nach Veilchenpastillen und nicht nach Schokolade riecht, denn die mag ich nicht wirklich.

So hole ich ein letztes Mal Luft und lächle die alte Frau an, die mir in den italienischen Alpen begegnet ist an. Ein winziger uralter dunkler Laden, irgendwo oben auf dem Berg. Ich trat neugierig ein und sie kam, gebeugt nicht größer als ich, in Falten geworfen, hinter ihrem Tresen hervor. Lugte zwischen Kasse und Waage über die hohe Theke und bot mir ihre Waren an wie kleine Schätze. Die Erinnerung an diesen Moment ist sehr stark, warum auch immer. Vielleicht weil ich damals, 14 Jahre alt, das erste Mal das Gefühl hatte, ein Zeitsprung ist möglich, man muss nur mal mutig einen dieser alten Läden betreten. Und ja, dort in ihrem Laden roch es nach Lakritze.

Und als wir irgendwann einen der letzten Läden eröffnet haben, der mitten in der Stadt noch als Kramladen geliebt wurde, und von der einzelnen Schraube bis hin zu herrlichen Spieluhren alles anbot oder besorgte, träumte ich, inspiriert durch den Laden oben in den italienischen Bergen, von Zeitsprüngen, Begegnungen und kleinen Wundern. Leider hat der Laden die Zeit nicht überdauert und kein Sprung durch irgendeinen Zeitreifen konnte sein Ende aufhalten.

Das Thema ist heute so aktuell wie damals. Ich habe zugesehen, wie eine ganze Straße kleiner Läden nach und nach geschlossen hat, ein Stück Stadtteil seinen Charme beinahe verloren hätte. Und doch, wenn ich ihn heute mal besuche, lächle ich ob der vielen Erinnerungen an die unterschiedlichsten Menschen und bin ihm dankbar, dass es ihn für mich eine Zeit lang gab. Und dann sehe ich mich um, finde neue kleine mutige Läden und schmunzle, denn die Liebe zu solchen Läden ist nicht verloren, nur manchmal vergessen oder findet als Online-Lädchen ein neues Gesicht. Schade nur, dass die Erinnerung daran wohl nur der Duft des eigenen Rechners sein wird.

Wer mag, kann eine weitere Erinnerung an diesen Laden gerne hier nachlesen:
https://sandayblog.wordpress.com/2016/03/23/papier-traegt-nicht-nur-worte/

Gedankensplitter 10

Wo sitzt sie die Weisheit des Menschen?
Wir spüren ihr nach seit Menschengedenken.
Vermuten, untersuchen ihre Erscheinung.
Wahre Weisheit wächst leise.
Im Innern gepflanzt,
treibt sie Sprösslinge,
bis der Mensch dem Baum gleich,
seine Kraft aus sich zieht.
Weisheit, als Blüten treiben hinaus,
zu den Menschen, die sich öffnen.

Sie wächst in Jedem von uns,
aber nicht Jeder hat einen grünen Daumen.

San, 2009

 

Gedankensplitter 9

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Gedankensplitter 2

Gedankensplitter 1

 

Gedankensplitter 9

Tränenmeer

Ein Meer füllt sich mit all den Tränen.
Tränen der Hoffnungslosigkeit
Tränen des Verlustes
Tränen der Angst
Ertrinken werden wir darin
bei dem Versuch es zu durchqueren.

Ein Meer sollte man füllen mit
Tränen der Freude
Tränen des Glücks
Tränen der unverhofften Zuversicht.

Würden unsere Seelen darin baden,
würden sie jede für sich
ihren Frieden finden.

San, 2009

und heute November 2016 lese ich meinen Splitter 
aus 2009 und bekomme glasige Augen.

Gedankensplitter 8

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Gedankensplitter 1

Gedankensplitter 8

Flau ist einem oft schon in Kindertagen
doch vermag man nicht zu sagen,
was die Steine sind
die man da trägt.
So geht man still und auch sehr leise,
durch die Zeit auf seine Weise.

Einer wird laut mit all der Last.
Ein anderer macht eine Rast.
So mancher aber stellt sich auf,
nimmt an sein Leben, seinen Lauf.

Manchmal  aber tritt doch ein,
aufgefressen von der Pein,
liegst Du darnieder.
Doch da mit letzter Kraft,
die Du noch spürst,
stehst Du auf.
Lächelst
und nimmst das Leben
als das was es ist
für Dich in Kauf.

San, 2010

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