Keiner pfeift auf Weihnachten

Wie in ein Handtuch gewrungen, sich selbst im Arm haltend, hockte er vor dem strahlenden Schaufenster. Hinter ihm blinkte im grellbunten Farbenspiel ein Baum, Sinnbild für die Familien, die sich nun bald wieder zu Weihnachten unter einem solchen versammeln würden, um sich selbst zu feiern. Schade nur, dass es in den wenigsten Familien wirklich noch ein Fest der Liebe war, das sie gelassen den Rest des Jahres verlachten.
Auch er erinnerte sich an diese Tage. An Menschen, die zu ihm gehörten, ob er sie nun liebte oder nicht. An den üblichen Baum, der für alle an Glanz gewann mit jedem Schluck vom schweren Weihnachtspunsch. Damals waren die Jahre angefüllt mit leeren Flaschen, leeren Worthülsen und dem Geruch nach schweren Gedanken. Seine Kindheit zog an ihm vorüber und gab seiner Jugend die Hand.
Langsam schnitt sich hart das Gitter in sein Gesäß. Warme Luft drang nach oben, und setzte aus der feuchtgewordenen Decke Nebel frei. Keiner, sein Hund, schlief neben ihm und atmete wohlig die Gerüche der nahestehenden Wurstbude und verbellte im Traum die Menschen. Er zog den Mantel enger um den dünnen Leib, trank den letzten Schluck Kaffee aus seinem Becher und stellte diesen zurück an seinen Platz neben dem Schild. Dort stand in feinsäuberlicher Schrift geschrieben:

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Manchmal sehnte er sich nach dem Tod, denn dass er den Menschen noch mal wirklich begegnen würde, hielt er für unwahrscheinlicher als diesem zu begegnen. Ja natürlich, da war Keiner, das dicke Fellknäul, das sich irgendwann als er schlief über seine Füße gelegt hatte und einfach geblieben war. Keiner brauchte ihn, so war es eben.
Er begann die Leute herbeizupfeifen, wie jeden Tag. Dabei pfiff er aufs Leben oder das, was für ihn davon übrig geblieben war. Erste Münzen sprangen in seinen Becher und er nickte freundlich. Keiner scherte sich nicht darum wenn er pfiff, nur seine Ohren tanzten im Takt.
Hinter ihnen im Schaufenster schob man gerade eine neue Plastikdame hinein. Auch sie strahlte im hektischen Tanz der Lichterketten. Man stellte sie auf, zog ihr Röckchen zurecht und stülpte ihr eine Weihnachtsmütze über die falschen Haare. Sie lächelt milde, vermutlich ist sie daran gewöhnt.
Weihnachten, ist das nicht egal? Vorweihnachtszeit denke ich, kaufe einen neuen Becher Kaffee und zähle mein Kleingeld.
Keiner schaut mich an.

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Gedanken an den Zahn der Zeit

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Urgroßmutter und Urenkel

Gedanken an den Zahn der Zeit

Ich blicke in den Spiegel und er strahlt mich an. Schon vor ein paar Jahren habe ich ihn wahrgenommen. Ignoriert? Ja, vielleicht, aber nie bekämpft.

Da ist er nun, zeigt sein wahres Gesicht, ist näher an mich heran gerückt und in mich hinein gekrochen. Er selbst, strahlend weiß, zeichnet und formt mir mit Feuereifer mein Leben ins Gesicht und auf die Hände. Erstes Grau fließt in das altbekannte Schwarz meiner Haare. Das Leben läuft, ich packe ihn am Hals und schüttele ihn. Er lacht laut auf und greift nach seinem Pinsel. Ich halte inne, spüre einen kurzen Schmerz, packe ihn an der Wurzel und setze ihn zurück an den ihm angedachten Platz, an seine Staffelei, seine Töpferscheibe. Er lächelt milde, schmiegt sich in meine Kindheit und Jugend, läuft gereift durch meine Jahrzehnte, lässt sich immer neu inspirieren. Dann taucht er wieder ab und werkelt im Verborgenen weiter an seinem Kunstwerk. Kurz spüre ich den Schmerz, den er in sich trägt. Durch so viel Leben zu gehen, kann bedrücken.

Dankbar bin ich ihm heute, denn mit seiner Unterstützung zeigt sich meine Lebenskarte der Welt. Sachte hat er mir einst als er seine Arbeit begann, Lachfalten um meine Augen gemalt. Die habe ich geliebt als ich sie entdeckte. Die Stirnfalte, an der er schon so lange sitzt, liegt ihm besonders am Herzen, so korrigiert er sie immer wieder und aus einer Furche werden langsam zwei, und irgendwann werden sie sich zu einem Dach schließen, und wenn der Zahn irgendwann sein Werk beendet hat und mein Leben es zulässt, mit einem weiteren finalen Strich verziert, ein A auf meine Stirn schreiben. Dies ist die Lebenslinie, die schon meine Großmutter trug, und die ich gerne mit erhobenem Haupt weiter tragen werde. Wie könnte ich sie nicht lieben?

Nur einmal nahm ich mir vor, dem Zahn in sein Tun hineinzureden. Leider hat er mich nicht erhört, als ich versucht habe, einen Pakt mit ihm zu schließen. Ich bat ihn damals: „Wenn ich genügend Grund zum fröhlichen Lächeln und Lachen fände, möge er mir doch bitte nur nach oben strebende Falten schenken. Wie naiv von mir, wie könnte er mir diesen Wunsch erfüllen. Welches Leben trägt nicht seine Schattenseiten, die das Lächeln erfrieren und das Lachen tonlos werden lassen in sich. Der Zahn als realistischer Künstler, kann nur malen, was er sieht, nicht was er sehen möchte.

Schon immer habe ich gerne Gesichter und Hände betrachtet, die mir ihre Geschichten erzählen. Die Freude an diesen Kunstwerken habe ich für mich nie verloren, und nun verwandle auch ich mich langsam. Der Gedanke gefällt mir gut.

Ich werde meinem Zahn nicht ins Handwerk pfuschen, denn für mich ist er es, der das Leben, das ich bisher gelebt habe, abbildet. Dank ihm kann ich meiner Vergangenheit schon heute ins Auge blicken.

Den Tod will ich nicht verlachen. Ihm zulächeln vielleicht, wenn eines Tages der Zahn der Zeit ausfällt.

Die Läden meiner Kindheit

Ein Erzählprojekt im Teestübchen Trithemius.

Dieser Eintrag ist Teil eines Erzählprojekts von Jules van der Ley. In seinem Blogeintrag „Die Läden meiner Kindheit“ erklärt er dazu Intention und Motivation. Dort findet ihr auch weitere Links zu anderen Erinnerungen und Geschichten.
Ein Blick dort hinein lohnt sich auf alle Fälle.

Da sitze ich und habe mich durch ein paar fremde Läden und Erinnerungen gelesen.
Meinen Einstieg fand ich dann bei der Erzählung von Heinrich, denn mir ergeht es ähnlich, viele meiner Erinnerungen bauen sich erst über die Nase und Erlebnisblitze wieder auf. Manche Bilder werden mit der Zeit wieder scharf und finden wie ein altes Foto ihre Farbe und Räumlichkeit wieder. So habe ich mich hingesetzt mit dem Ziel, mit den Tasten einfach einmal meiner Nase zu folgen.
Und da kommt er schon, der erste bleibende Duft meiner Kindheit, windet sich innen an den Nasenflügeln entlang und schenkt mir Veilchenpastillengeruch, eine meiner stärksten Erinnerungen an meine Urgroßmutter. Ich atme tief ein und da sind sie schon die Bilder:
Dunkles Holz herrschte vor, doch die hohen weißen Wände und die stuckverzierten Decken ließen ihm den Platz den es brauchte, um seine Bedrohlichkeit zu verlieren. Da alle Frauen hier arbeiteten, saß ich, 4 oder 5 Jahre alt, oft alleine im Turmzimmerchen und träumte davon, wie Rapunzel mein Haar aus dem Erkerfenster herabzulassen. Ein runder gemütlicher Raum mit kleinen Tischen und einem großen Sofa. Auf der Mitte des kleinsten Tisches thronte das Ziel meiner Begierde, eine kleine blauweiße Porzellanschale mit geschlossenem Deckel. Sie gehörte meiner Urgroßmutter und nur ich hatte ihre Erlaubnis, sie zu öffnen. Wenn ich den Deckel hob, drang der Duft von Veilchenpastillen in meine Nase und kurz darauf sprang eine erste Pastille wie von alleine in meinen Mund. Diese Porzellandose gefüllt mit Veilchenpastillen war gefühlt der erste Laden, den ich betrat und der mich mein Leben lang an meine Urgroßmutter erinnern sollte.

Und während ich schreibe, lutsche ich vergnügt eine Veilchenpastille und genieße den Duft, der mich direkt weiter führt in die Grundschule. Ich hatte Freude daran, dass ich wusste was eine Süßholzwurzel ist und kaufte mir, damals noch für Pfennige, ab und an eine solche. Ich liebte den Moment, wenn sich alles erstaunt um mich versammelte, weil jemand rief: „Jetzt kaut sie ja schon wieder Äste.“ Ein paar meiner Freunde teilten irgendwann meine Leidenschaft und so stiegen die Verkaufszahlen für die geheimnisvolle Wurzel, die wir, wenn ich es richtig erinnere, damals in der Apotheke kauften.
Da ich Einblicke sowohl in der Großstadt als auch auf dem Land hatte, schlagen meine Erinnerungen Haken. Und doch ist mir auch der Süßwarenladen in der Stadt in Erinnerung geblieben. Ein schmaler Gang, ein undefinierbarer Geruch, der einen für fast alles begeisterte, rechts und links die Wände hoch Schütten mit allen erdenklichen Süßwaren. Anfassen durfte man nichts, aber die alte Dame mit der Schürze sauste von Schütte zu Schütte und ab und an gab es auch ein wenig mehr. Damals dachte ich, sie lebt in dem Laden, und an manchen Tagen habe ich sie darum beneidet. Zumeist wenn meine eigenen Vorräte zur Neige gingen.
Ich nahm immer dasselbe, winziges Gummikonfekt und nur aus einem Grund. In der Mischung befanden sich auch ein paar klitzekleine nach Lakritz schmeckende, die sich als Genusshappen bis zuletzt in der Spitze der Tüte sammelten und wie ein Schatz von mir gehütet wurden. Meine Freude an Lakritze ist mir bis heute geblieben, sie führte mich über Salmiakpastillen, Stangen und Schnecken immer wieder in Läden, in denen ich hoffte, auf neue Kreationen zu treffen.
Vor oder Nachteil meiner Kindheit war, dass ich meine kleinen Papiertüten zumeist für mich allein hatte, denn anderen Lakritzliebhabern bin ich im Laufe meines Lebens nur selten begegnet.

So merke ich selbst gerade, wie sich der Lakritzduft heute bei mir über alles andere legt. Vanillemilch, die es bei mir bis heute zu Laugenbrezeln mit Butter gibt, Metzgereibesuche, die mir bis zum Himmel gestunken haben, da ich zu den Kindern gehörte die Fleisch und Wurst nicht riechen und nicht essen wollten, was meine Mutter fast in den Wahnsinn trieb und Unverständnis bei den Verkäufern verursachte, die mir immer wieder scheibenweise Wurst über die Theke reichen wollten. Der Demeter Hof, den ich liebte weil hier alles einfach lecker roch und das Brot so ganz anders war als ich es davor kannte. Da ich das Brot meist tragen durfte, passierte es schon mal, dass ein Eckchen fehlte bis wir zu Hause ankamen.

Vielleicht muss ich mich dem Thema doch anders nähern als nur mit der Nase, denn der Geruch des kleinen Papierladens, des Spielwarenladens, des Schusters, des Pferdezubehörgeschäft, des Eisenwarenladens, müssen besonders tief eingeatmet werden, damit sie beim ausatmen ihren Weg über meine Lebensmittelerinnerungen hinaus wieder finden und ordentliche Bilder erzeugen.

An den Schokoladenladen meiner Urgroßmutter habe ich selbst keine Erinnerung, denn damals gab es mich noch nicht. Und ich bin dankbar, dass sie für mich in meiner Erinnerung nach Veilchenpastillen und nicht nach Schokolade riecht, denn die mag ich nicht wirklich.

So hole ich ein letztes Mal Luft und lächle die alte Frau an, die mir in den italienischen Alpen begegnet ist an. Ein winziger uralter dunkler Laden, irgendwo oben auf dem Berg. Ich trat neugierig ein und sie kam, gebeugt nicht größer als ich, in Falten geworfen, hinter ihrem Tresen hervor. Lugte zwischen Kasse und Waage über die hohe Theke und bot mir ihre Waren an wie kleine Schätze. Die Erinnerung an diesen Moment ist sehr stark, warum auch immer. Vielleicht weil ich damals, 14 Jahre alt, das erste Mal das Gefühl hatte, ein Zeitsprung ist möglich, man muss nur mal mutig einen dieser alten Läden betreten. Und ja, dort in ihrem Laden roch es nach Lakritze.

Und als wir irgendwann einen der letzten Läden eröffnet haben, der mitten in der Stadt noch als Kramladen geliebt wurde, und von der einzelnen Schraube bis hin zu herrlichen Spieluhren alles anbot oder besorgte, träumte ich, inspiriert durch den Laden oben in den italienischen Bergen, von Zeitsprüngen, Begegnungen und kleinen Wundern. Leider hat der Laden die Zeit nicht überdauert und kein Sprung durch irgendeinen Zeitreifen konnte sein Ende aufhalten.

Das Thema ist heute so aktuell wie damals. Ich habe zugesehen, wie eine ganze Straße kleiner Läden nach und nach geschlossen hat, ein Stück Stadtteil seinen Charme beinahe verloren hätte. Und doch, wenn ich ihn heute mal besuche, lächle ich ob der vielen Erinnerungen an die unterschiedlichsten Menschen und bin ihm dankbar, dass es ihn für mich eine Zeit lang gab. Und dann sehe ich mich um, finde neue kleine mutige Läden und schmunzle, denn die Liebe zu solchen Läden ist nicht verloren, nur manchmal vergessen oder findet als Online-Lädchen ein neues Gesicht. Schade nur, dass die Erinnerung daran wohl nur der Duft des eigenen Rechners sein wird.

Wer mag, kann eine weitere Erinnerung an diesen Laden gerne hier nachlesen:
https://sandayblog.wordpress.com/2016/03/23/papier-traegt-nicht-nur-worte/

Kleinkarierte Socken

Kleinkarierte Socken an den warmen Füßen, stieg ein Mann des Nachts über die hölzernen Stiegen hinauf in den Glockenturm der alten Kirche. Der Pullunder über dem kratzigen Hemd ließ seine Gesichtszüge in ein wohlbekanntes Muster fließen. Mundwinkel zeigen zum Boden, die Augen zu Sehschlitzen geformt, nahmen die Zornesfalten zwischen den Brauen ihren Platz ein. Es war tiefe Nacht als er die letzte Stufe erklomm und die schwere hölzerne Tür öffnete.

Schwarze Schatten zogen durch den zugigen Turm und tanzten, wie jede Nacht, auch heute vor dem fast vollen Mond. Nur der eine von ihnen an der gegenüberliegenden Wand schien ein anderes Spiel zu spielen. Er löst sich von der Mauer und dreht sich wie ein Kreisel um die eigene Achse. Der alte Mann erstarrte vor Schreck und grub die kleinkarierten Socken in den alten Dielenboden. Mit furchtsam weit aufgerissenen Augen versuchte sein Blick dem Spiel zu folgen, schafft es aber nur mit Mühe. Keine Form war auszumachen, keine Größe einzuschätzen.

So stand er da, der Alte, und staunte. In seiner Welt war doch alles zählbar, messbar oder zumindest zuzuordnen. Und in genau fünf Minuten musste er die alte Glocke läuten, um dem Ort die mitternächtliche Stunde zu schlagen. Der Schatten färbte sich derweil hellrot, blutrot, orange. Veränderte die Form erneut, verzog sich zuletzt zu einem breiten, Grinsen. Dieses schwang, so in Form gebracht, nun gelassen am Glockenseil.

Vorsichtig lösten sich die kleinkarierten Socken aus ihrer Starre, huschten hinüber zum Glockenseil. Die Arme des Mannes griffen achtsam nach vorne. Noch drei Minuten bis Mitternacht. Seine Hand umfing das Seil am unteren Ende und schob sich vorsichtig nach oben, wo der mittlerweile knallrote Schatten, so schien es dem Mann, noch immer hämisch grinste.

Die kleinkarierten Socken drehten den Arm, der Mann sah auf seine Uhr. Zwei Minuten noch bis zur vollen Stunde. Angstschweiß rann durch die Furche seiner Zornesfalte. Die Augenschlitze gaben nunmehr kaum noch einen Blick auf das Geschehen frei. So schob er die Hände weiter nach oben dem roten Schimmer entgegen. Gleich sollte es Mitternacht schlagen und nur er konnte es vollbringen.
Mit letzter Kraft und einem kräftigen Ruck zog er am Seil. Als dieses sich in Bewegung setzte, kam das Grinsen näher. Rutschte über die Hände des Mannes, über die Arme, am Herz vorbei, mitten in dessen Gesicht. Der erste Glockenschlag erklang und der Mann lauschte erleichtert dessen dunklen Ton. Er sah sich um, aber der Schatten, so schien es, war verschwunden.

Mitternacht war vorbei, aber der Mann saß noch lange auf den alten Bohlen und hielt Ausschau nach dem Schatten, der sich aber nicht mehr zeigte.

In den frühen Morgenstunden kletterten die kleinkarierten Socken schließlich doch die Stiegen des Glockenturms hinab. Der Angstschweiß war getrocknet und so holte der Mann mit ungewohnt weiten Schritten aus und trat ins Freie. Die Sonne schien ihm warm ins Gesicht, das Gras vor seinen Füßen wirkte auf einmal so viel grüner, so dass er Schuhe und Socken auszog und einfach stehen ließ. Mit schwingenden Armen ging er durch die Wiese und traf schließlich auf eine Schar ihm wohlbekannter Kinder. Doch streckten sie ihm nicht wie sonst die Zunge heraus oder machten aus sicherer Entfernung Witze über ihn. Nein, sie warfen ihm den Ball zu, den er völlig verdattert auffing. Da stand er, den Ball in der Hand und verstand die Welt nicht mehr, warf ihn zurück und ging durch den Wald hindurch nach Hause.

Dort sah er in den Spiegel und jetzt begriff auch er was geschehen war. Da war es – sein altes Lächeln, mitten in seinem Gesicht. Lachfalten zogen sich um die Augen, die ihn mit freudig erkennendem Blick aus dem Spiegel heraus ansahen. Selbst die Zornesfalten legten sich gelassen herzförmig neu zusammen. Er lachte laut auf und klopfte sich sanft auf die Schulter. Er hatte die Furcht überwunden und sein Lächeln umgab ihn nun wieder mit all den roten Tönen, die er so lange vermisst hatte. Was in so einer Blutmondnacht nicht alles passieren kann.

Ein wenig später kam eine Frau auf der Wiese vor dem Glockenturm vorbei, fand die kleinkarierten Socken und die Schuhe, schlüpfte hinein und ging mit kleinen, akkuraten Schritten davon.

Blutmond 3

 

Der buchstäblich berechnende Säbelzahntiger

„Seltenheitswert besitzen diese Schuhe nicht, nicht einmal ein mir vertrautes Leder“ sprach sie und trat mit voller Wucht gegen die beiden Schuhspitzen. Sekunden später flogen diese mit der brachialen Gewalt eines Tornados der Zimmerdecke entgegen. „Ach“, ging es Mandy durch den Kopf, als die beiden Geschosse schon mit einer das Trommelfell schädigenden Geräuschkulisse den großen Kaktus im Wintergarten zerteilten, und in die diesen eben noch umgebenden Blumenerde einsackten. Mandy besah gelassen den Schaden, nahm ihre Zigarettenspitze heraus und zündete sich eine ihrer geliebten Zigaretten an. Während sie sich ihre Füße anschaute und feststellte, dass kleine Sägen die Schuhspitzen krönten. Leise hörte man sie murmeln: „Doch ein Alleinstellungsmerkmal.“ Unterdessen schickten sich die ersten Rauchwolken an, in Richtung der Zimmerdecke zu entfliehen und sich dort gleichsam wieder aufzulösen. Nachdenklich sah sie ihnen nach, und fragte sich nun doch, „wenn nicht hier, wo dann bitte Luigis Füße nun ihr Unwesen trieben?“ Gedankenverloren ging sie zur Haustür, lächelte noch ein letztes Mal in den sie eben noch umgebenden Raum und bemerkte erst als die die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, dass Blut ihre Zehen durchtränke und ihre Schuhe in einem unmodischen Farbenspiel schimmern ließen.

Ihr wurde schwarz vor den Augen und sie sank in sich zusammen. Als sie wieder zu sich kam, schien die Welt um sie herum in weite Ferne gerückt. „Unendlich still ist es in der Unendlichkeit…“ war der erste Gedanke, der ihr in den Sinn kam. Sie wusste nicht, warum sie ihn gedacht hatte. „Nur ein kleines Missverständnis und eine Kreislaufschwäche“ verlautete eine freundliche Stimme aus einem weißen Kittel und eine Hand tätschelte Mandy beruhigend die Wange. „Sie wurden hier ohne Papiere eingeliefert und im Laufe der Untersuchung hat Ihnen jemand versehentlich die Krankenakte einer anderen Patientin mitgegeben. Es wird sich alles aufklären. Ihre Angehörigen haben sich bisher noch nicht gemeldet. Vielleicht können wir sie nun mit Ihrer Hilfe verständigen.“ Die Stimme samt weißem Kittel entfernte sich ein paar Schritte und ließ weitere Fragezeichen im Raum stehen.

Sachte griff Mandy nach dem ihr nahestehenden Fragezeichen, umschloss es sanft mit ihrer schwerfälligen kleinen Gips Hand und zog es näher an sich heran. Auf Augenhöhe ließ sie es stehen und bemerkte, welch wunderbare Form es zeigte. Der große Punkt am unteren Ende, sah nach einem Abschluss aus, der sich ihr aber nicht erschloss. Wild begann sie mit den Wimpern zu klimpern, um Bewegung in die sich ihr nicht erschließende Form zu bringen. Da begann sie zu lächeln und schob behutsam das Fragezeichen zurück an seinen Platz. „Nein, es war nicht die Zeit für Fragen.“ Mit diesen Gedanken glitt sie Minuten später zurück in einen erholsamen Schlaf und in ihren Traum. Lediglich das Fragezeichen kam nicht zur Ruhe und begann, wild die Farbe wechselnd zu blinken. Dann wurde es blass und ein mehr als zwei Meter großes I nahm seinen Platz ein. I wie Igitt, wie Irrsinn. Sie zuckte angsterfüllt zusammen und schoss in Windeseile zurück unter die strabbelige Decke. Erst Minuten später, in der Annahme der Spuk wäre vorbei, schob sie sachte ihren Haarschopf wieder hervor. Wie kleine Antennen krabbelten ihre Haare in den Raum und versuchten Sonden gleich, erste Signale aufzufangen. Nichts, Totenstille, nur der sterile Geruch des kalten Raumes kroch ihr unangenehm in die Nase und verführte sie zu einem vorsichtigen ersten Blick in die Wirklichkeit, der seine Wirkung nicht verfehlte. „Inkarnation“ zischte das neugeborene I in ihre Realität. „Ich hätte da mal eine Frage“ vernahm sie gerade noch, als plötzlich Musik einsetze und das wilde, ungestüme I in ein J verwandelte. J wie Jagdfieber, wie Jadegrün, wie Jaguar. „Mein Auto, wo ist mein Auto?“ wollte nun auch noch der Mann im Ohr von ihr wissen. Das war zu viel.

Das J verformte sich langsam weiter und platzierte sich punktgenau vor die nächstbeste frei im Raum stehende Frage. Allerdings stand es nun auf dem Kopf. „Hola ¿Qué tal?“ vernahm Mandy danach und bemerkte sogleich, dass sich ein zweites Fragezeichen am Ende des Satzes hinzugesellt hatte. Wer redete sie denn auf einmal in einer fremden Sprache an?

Mandy stand mitten im Raum und traumlos formulierte sie mühsam eine Antwort. „Wo Fragen sind müssen Antworten her“ ließ ihr Gefühl sie denken. „Gefühle, die denken“, das nun wieder war ihr völlig neu. Elfengleich zog sie schwebend den dekorativen grünen Kittel mühsam über ihren Pobacken zusammen. „B wie bereit“ meldete sich ihr Gefühl erneut. „Bereit?“ „So ein blubbernder Quatsch“ quoll es aus ihr hervor. Das Alphabet begann zu tanzen und brachte doch keinen Takt in die denkenden Gefühle. So kam, was kommen musste. Mandy ergab sich ihrem Gefühl und stellte das aufgedrängte Denken ein. A ffenzirkus, B ärentanz, C hamäleonfarbwechsel, D enkpause…….Schlaf ohne Fragezeichen.

So entkam sie und rannte immer tiefer in ihr Bettchen unter die Decke, in sich hinein. Kein einziger Buchstabe, der sie mehr quälte. „Z wei“ beendete sie die Kette der Buchstabenreihe, bevor nun genau diese Zahl begann, irrwitzige Zahlenreihen zu gebären, die ab und an von einem Zeichen begleitet ihr vorrechneten, wo es hinging. Zuletzt stand sie vor einer Tür, darauf stand „00“. Stimmt, durch diese Tür wollte sie doch schon vor Stunden, verlor sich auch dieser Gedanke, während weitere Nullen sich eifrig dazu gesellten. 0000000000 liefen die eiförmigen Dinger so lange vor ihren Augen umher, bis sie Eier sah. Bio-Eier, sie bekam Hunger. Doch schon verliefen die Eier bis zur Unkenntlichkeit, um kurz darauf in neuer Gestalt zu schwirren.
€€€€€€€, schienen sie sich der Welt zu öffnen, dann sah Mandy nur noch $-Zeichen und diese fingen zu allem Überfluss damit an, Bilder an die gegenüberliegende Wand zu werfen, bis schließlich ein klares Bild entstand.

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„Luigi!“ schrie sie, während sie sich aufsetzte. „Er ist hier.“ „Luigi!“ klang es ein weiteres Mal, bevor sie zurück in ihre Kissen fiel und sich dem Schicksal des Grauens übergab. „Ein Säbelzahntiger, ich habe es gewusst.“ nuschelte sie undeutlich, während ihre Arme erneut unkoordiniert durch die Luft fuhren, um dem Tiger sein Halsband anzulegen. Ein leises *Groarrrrrrrrrrr* stürmte ihr aus dem offen stehenden Maul entgegen, da war der Kampf auch schon vorbei und er geflüchtet.

Luigi stand wie aus dem Nichts hereingetreten an ihrem Bett, seine Hand auf ihrer Stirn, und lächelte. „40° und mehr“ bedeutete er ihren wild zuckenden Augenlidern. Wie auf Samtpfoten lief er zum gegenüberliegenden Fenster und zog den Vorhang beiseite, um erste Sonnenstrahlen herein zu lassen. Diese aber mischten sich unter Mandys Augenlidern zu einem Höllenfeuer und sie begann, mit Armen und Beinen zu fuchteln, löste sich dabei unmerklich von ihrer Decke, und bevor Luigi zurückspringen konnte, platschte sie mit einem lauten Knall, aber einer gekonnten Landung vor seinen Füßen auf den Boden. Zu seinem Erstaunen lächelte sie nun mit offenen Augen von unten herauf, strahlte ihn an und hielt ihm ihr Kopfkissen entgegen. „Ich habe ihn, schau mal.“ wedelte sie mit dem verschwitzten Kissen vor seiner Nase herum. Beherzt griff Luigi nach dem vermeintlichen Säbelzahntiger, schmiss ihn zurück auf das Bett und sich heldenhaft darauf. Schließlich reichte er Mandy die Hand, zog sie herauf und kippte sie zurück auf ihr Krankenlager. „Schau, ich habe ihn gebändigt, nur für Dich Sonnenschein.“ flüsterte er, unter vorgegaukelter strengster Geheimhaltung, in ihr Ohr. „Ich lasse ihn bei Dir, er wird Dich bewachen.“ lachte er leise auf, während er rückwärtsgehend das Zimmer verließ.

Mandys Augen strahlten den Tiger an. Sie warf ihre Lockenmähne auf seinen breiten Rücken, während das Fieber ihr sanft die Augen wieder schloss. „Komm her, Du verrücktes Tier.“ hörte man sie noch murmeln, als die ersten Schnurchelgeräusche zu vernehmen waren und man zusehen konnte, wie sie in einen vielleicht letzten erholsamen, nun traumlosen Schlaf fiel.

In Gedenken an Waltraud.
Auch heute noch mein Dank an sie, nicht nur für diese gemeinsame, herrlich fiktive Reise.

Jim Croce – Time In A Bottle

 

Lilou

Frankreich, Schüleraustausch auf dem Land. Heimelig war es. Große Bol mit Milchkaffee am Morgen, 2 Kinder, die Eltern, die Großeltern und ein kleiner Hof mit wenigen Tieren. Es war mein erster Schüleraustausch. Wie alt ich war, ich weiß es nicht mehr sicher. 12 Jahre denke ich. Die Kinder führten mich herum, stellten mir alle Tiere mit Namen vor. Am Hasenstall hoben sie mir lächelnd Lilou in den Arm. Eine kleine Hasendame mit schwarzen runden Fellringen um die Augen und langen schwarzen Ohren, die sich vom weißen Fell absetzten. Jeden Tag sah ich nach ihr und schloss sie ins Herz. Die Tage vergingen, es wurde Ostern und man setze sich an den Tisch für ein Festmahl. Töpfe wurden aufgetragen und ich fragte nach, was es denn war, das da in der Soße schwamm.
„Lilou“, bekam ich vom Stimmenchor am Tisch mitgeteilt.

Da schwamm sie, zur Unkenntlichkeit zerkocht, ohne schwarz und weiß in der Tunke. Mir schwammen die Augen, niemand hatte mir gesagt, dass die Tiere mit den wunderschönen Namen hier auf den Tisch kommen.
Ich legte das Besteck auf den Tisch und teilte mit, dass ich Lilou auf keinen Fall essen werde. Unverständnis stand im Raum, sie lachten mich aus, zogen mich auf und ich empfand es auf ein Mal nicht mehr heimelig. Dennoch, mein Besteck blieb liegen und gegen alles Kopfschütteln blieb ich stur.

Auch wenn ich nun viele Jahre später viel besser verstehe, wie unterschiedlich die Sitten an den Tischen dieser Welt sein können. Ich bin dankbar, dass ich damals so gehandelt habe.
Vielleicht hat es mich den Schock leichter verkraften lassen, mit dem Wissen, ich habe meine Prinzipien in eben genau diesem Moment einmal nicht über den Haufen geworfen.

Mit Dank an Helmut Hostnig fürs erinnern ans Erinnern

Lilou 1

Musik: Jacques Brel – Ces Gens La

 

 

 

Ihre schönste Erinnerung an den Tag der Scheidung

Sie stiefelte mit hoch gezogenem Kragen aus dem Haus, frösteln tut es einen schon bei dem Gedanken, öffentlich mal eben viele gemeinsame Jahre als gescheitert zu erklären. Eigentlich ist es doch nur das Gefühl, selbst gescheitert zu sein, das aus dem Tag der Scheidung einen Nebeltag werden lässt. Sie zog also den Kragen noch höher, schüttelte sich und ging mit erhobenem Haupt aus dem Haus. Ein wenig Stolz sollte man möglichst bewahren.

Auf dem Weg zum Auto schlängelte sich der Weg am Briefkasten vorbei, und sie öffnete ihn mutig. Sie dachte, an einem Tag wie diesem, kann unmöglich auch noch so etwas wie eine Rechnung darin sein. Als er sich knarrend öffnete, nahm sie im Augenwinkel schon das rosa des Papiers wahr. „Na super“, dachte sie bei sich und griff mutig in das Maul des Löwen hinein und zog die kleine Karte heraus. „Bitte holen sie mich auf der Post ab“, stand in winzigen Lettern auf dem Kärtchen.

Sie zuckte zusammen, dachte aber still bei sich: „Was soll schon passieren“. So hielt sie mit dem Auto kurz darauf vor der kleinen Post, ging hinein und hielt schon fast trotzig dem guten Mann am Schalter das kleine Pappkärtchen entgegen. Er verschwand in dem anliegenden Nebenraum und sie sah ihm ungläubig nach. Als er wieder um die Ecke bog, lächelte er sie verschmitzt an, zumindest kam es ihr in dem Augenblick so vor, und überreichte ihr ein Paket. Sie nahm es, lächelte ihm zu, während sie so tat, als hätte sie auch nur im Ansatz einen Schimmer davon, wo es herkam. Im Auto setzte sie es vorsichtig auf dem Beifahrersitz ab, behielt es aber aus dem Augenwinkel fest im Blick. Warum sie es nicht gleich geöffnet hat, fragt sie sich noch heute.

So fuhren also ihr Paket und sie zum bevorstehenden Scheidungstermin. Wie immer war sie spät dran, nun, so ganz spurlos gehen Jahre gefüllt mit italienischer Lebensweise auch nicht an einem vorbei. Zum Glück ergatterte sie einen letzten Parkplatz direkt vor dem Gerichtsgebäude, klemmte ihr Auto in die verbleibende Lücke, schnappte ihre Tasche und stürmte die alte Treppe des Gerichtsgebäudes hinauf, den Gang entlang, bis sie vor dem genannten Saal ankam. Ihr Mann, noch war er das ja schließlich, war schon da und saß leichenblass gegenüber der schweren Holztür, die sie aktuell noch vom Geschehen trennte. Als sie kam, sah er auf, lächelte sie an und meinte:“ Das kann wohl noch eine Weile dauern.“ Während sie ihn noch erstaunt musterte, drangen Stimmen durch die Holztür und schnell wurde ihr bewusst, wer auch immer die Menschen waren, die da gerade versuchten, ihre Leben voneinander zu lösen, die hatten definitiv ein ganz anderes Problem.

Sie zuckte zusammen, denn mitten in ihrem Gedanken riss jemand die Tür auf und stürmte in Begleitung eines Anwalts aus dem Raum. Schreien und Unmut drang an ihr Ohr und plötzlich war ihr klar, warum ihr Mann so blass war. Vom Gefühl war es ähnlich einem komplizierten Eingriff beim Zahnarzt, und der Patient der vor einem dran ist, schreit vor Schmerzen, als würde man ihm gerade bei lebendigem Leib die Innereien einzeln heraus drehen. Der Gedanke fesselte sie, als die schreiende Gruppe auch schon zurück kam und, noch immer laut tobend, wieder in dem Saal verschwand. Sie sahen sich an und in ihren Augen spiegelte sich eine Antwort auf die jetzt im Raum stehende Frage. Nein, sie würden es so nicht haben wollen. Noch in diesem Gedanken verhaftet, flog abermals die Tür des Saales auf und nun stürmte offensichtlich die Frau, mit dem Anwalt ihrer Wahl, keifend an ihnen vorüber, um Minuten später wieder im Saal zu verschwinden.

Sie wollte nur noch raus. Da endlich bog ihre Anwältin in den Gang ein und kam zu ihnen herüber. Sie drehte den Kopf zur Seite, lauschend das Ohr in Richtung Tür und sagte:“ Ich glaube das dauert noch.“ So gingen ihr Mann und sie hinaus, einfach Luft und Abstand zu diesem Getobe, welches ja zum Glück wenigstens nicht das ihrige war. Auf der Straße angekommen, fiel ihr das Paket wieder ein. Sie entschuldigte sich und rannte zu ihrem Auto. Zog das Paket heraus und trug es vorsichtig zur nächsten Parkbank. Warum sie das tat? Ich habe keinen blassen Schimmer. Aber tendieren Menschen nicht schon mal dazu, in Stresssituationen absonderlich zu reagieren?

Sie setzte sich neben das Paket und besah es sich in Ruhe, bevor sie es vorsichtig aus dem Packpapier wickelte. Eine wunderhübsche Geschenkverpackung mit selbst gemalten kleinen Episoden darauf, an die sie sich alle sofort erinnerte, kamen zum Vorschein. Da wusste sie, woher das Päckchen kam. Freunde hatten es für diesen Tag und nur für sie gepackt. Endlich war Platz für ein paar Tränen, wenngleich es in diesem Moment doch eher Freudentränen waren.

Der Park, die Parkbank, das Gerichtsgebäude, ihre nebligen Gedanken,
alles versank in diesem Päckchen, während nicht nur in ihr plötzlich die Sonne wieder aufging.

Was aber war in dem Päckchen? Dürfte sich der eine oder andere neugierig fragen…..

Sie möchte es Euch verraten. Einfach ein paar sehr persönliche Gesten, die in einem Moment wie diesem Halt und das Gefühl geben können, man ist nicht alleine auf der Welt und das Leben nach diesem Tag erwartet einen bereits.
Ein Lächeln, Dankbarkeit und einfach ein gutes Gefühl hat es ihr geschenkt.

Kürzlich schickte sie mir eine kleine Übersicht und das nachfolgende Märchen,
mit den folgenden Worten:

Ich erlaube Dir heute einen kleinen Blick in diese meine ganz persönliche Schatzkiste. Vielleicht möchte ja doch einmal Jemand eine ähnliche Kiste im Zuge der Scheidung oder eines anderen Schicksalsschlags eines Freundes oder einer Freundin verschicken.
Ein Auszug aus dem Inhalt meiner Schatzkiste:
> Eine Schildkrötenmama mit einer kleinen Schildkröte auf dem Rücken
> Ein selbstgeschriebenes Märchen
> Eine handsignierte Single von Heintje: Scheiden tut weh
>  und den vielleicht schönsten, persönlichsten Brief, den ich je bekommen habe

Das Märchen, Autor mir bekannt
Mit den besten Wünschen ihm zu seinem heutigen Geburtstag und meinem Dank,
die Neuauflage seiner Worte.

Das Märchen vom Eichhörnchen, dem Marder und der Schlange

Es war einmal ein junges Eichhörnchen, das lebte in einem großen Wald. Das Eichhörnchen war jung und sehr schön. Es hatte einen großen, buschigen Schwanz, sein Fell glänzte und seine Augen funkelten wie Edelsteine, wenn es mit seinen Freunden zusammen war und erzählte.  Das Eichhörnchen hatte viele Freunde, die alle gut zu ihm waren. Sie brachten ihm viele Nüsse für den langen Winterschlaf, die Bärenfamilie lud es zu feinem Honig ein und die Vögel des Waldes pflückten große Beeren,  um sie ihm zu schenken. Das Eichhörnchen träumte davon eines Tages zu heiraten und Kinder zu haben
und glücklich in seinem Wald zu leben.

Eines Tages traf das Eichhörnchen einen Marder. Der sah sehr gut aus, so richtig schlank und rank. Er konnte sehr schnell rennen und viele Tiere bewunderten ihn. Er kam aus einem anderen Wald und hatte viele interessante Geschichten von fremden Wäldern und den Siedlungen der Menschen zu erzählen. Das Eichhörnchen verliebte sich sehr in ihn und bald feierten sie eine schöne Hochzeit mit allen Tieren des Waldes. Kurz darauf kam auch schon Nachwuchs und das Eichhörnchen glaubte sich am Ziel seiner Träume.
Der Marder allerdings, liebte das Familienleben nicht so sehr. Er beachtete die Freunde
vom Eichhörnchen kaum, weshalb sich viele abwandten. Der Marder mochte lieber die Autos in den Wohnsiedlungen außerhalb des Waldes, bei denen er gerne die Kabel durchbiss. Er besuchte auch regelmäßig die Nachbarwälder, wo er sich mit wilden Tieren
und anderem Gesindel traf. Oft war er tagelang nicht zu hause und das Eichhörnchen fühlte sich oft alleine und traurig.

Eines Tages, der Marder war schon wieder tagelang nicht nach Hause gekommen, fegte ein
ganz schrecklicher Sturm über den Wald. Riesige Tropfen fielen vom Himmel, so dass viele Höhlen überschwemmt wurden. Ein stürmischer Wind fällte kleine und schwache Bäume und die Tiere fürchteten sich sehr. Zum Glück kannte sich das Eichhörnchen in seinem Wald sehr gut aus. Es packte sein Kind, kletterte auf den stärksten Baum im Wald, wo es sich und sein Kind in einem geschützten Loch im großen Stamm in Sicherheit brachte.
Der Marder war weit weg und Niemand wusste, wo er war und was er trieb.

Als das Eichhörnchen nach dem Sturm auf den Waldboden zurückkehrte traf es auf die Schlange. Niemand im Wald mochte die Schlange. Sie war böse und fraß kleine Tiere,
auch Eichhörnchen, in einem Stück auf. Das Eichhörnchen wollte schon flüchten, da hörte
es die Schlange weinen und um Hilfe bitten. „Ich bin unter diesem umgestürzten Baum
eingeklemmt und niemand will mir helfen, weil ich keine Freunde habe“, sagte die Schlange. Das Eichhörnchen hatte erbarmen und es holte den Hirsch, der mit seinem
großen Geweih den Baumstamm hochhob, so dass die Schlange sich befreien konnte. Kaum war sie frei, das Eichhörnchen wollte schon weiter springen, da reckte sich die Schlange senkrecht gegen den Himmel und ein blaues Licht umgab sie plötzlich.
Unter den staunenden Augen des Eichhörnchens verwandelte sich die Schlange in eine
schöne Fee und sie sprach:“ Du, liebes Eichhörnchen, hast mir geholfen, obschon ich im Körper dieser Schlange gefangen war. Damit hast Du mich befreit. Ich bin die gute Waldfee
und kenne Dich schon lange. Ich weiß das Du ein schweres Leben hast und dass Dich Dein Marder im Stich lässt und betrügt. Ich würde Dir gerne helfen, Dich von ihm zu trennen und wieder so glücklich zu werden, wie du früher warst.“ Das Eichhörnchen war verblüfft.
Es stimmt, dass es sich vom Marder trennen wollte, aber es hatte Angst alleine mit seinem Kind zu leben und allen Gefahren des großen Waldes ausgesetzt zu sein. Das erklärte sie der guten Waldfee. Diese dachte lange nach. Dann sagte sie: „Ich verstehe Deine Bedenken. Aber ich habe eine Idee. ich verwandle Dich und Dein Kind in Schildkröten.
Dann hast Du zwar keinen schönen buschigen Schwanz mehr, aber der starke Panzer
ist auch hübsch und wird Euch vor allen Gefahren schützen. Ihr werdet damit in Ruhe und
Sicherheit leben können.“ Gerne stimmte das Eichhörnchen zu und – schwupps -war es eine Schildkröte und auch sein kleines Kind auf dem Rücken wurde zu einem süßen
Schildkrötchen.

Die beiden gingen zurück in ihre Wohnung und als der Marder, der von diesem ganzen Sturm gar nichts mitbekommen hatte, nach Hause kam, erkannte er sein Eichhörnchen
und sein Kind nicht wieder. Sie verwiesen ihn der Tür und niemand weiß, wo er sich bis heute herumtreibt. Die Schildkröten, die einmal Eichhörnchen waren, aber lebten glücklich und sicher unter ihren Panzern. Alle Tiere des Waldes wurden wieder ihre Freunde und freuten sich mit ihnen. Die Augen der Schildkröten funkelten wie Edelstein