Keiner pfeift auf Weihnachten

Wie in ein Handtuch gewrungen, sich selbst im Arm haltend, hockte er vor dem strahlenden Schaufenster. Hinter ihm blinkte im grellbunten Farbenspiel ein Baum, Sinnbild für die Familien, die sich nun bald wieder zu Weihnachten unter einem solchen versammeln würden, um sich selbst zu feiern. Schade nur, dass es in den wenigsten Familien wirklich noch ein Fest der Liebe war, das sie gelassen den Rest des Jahres verlachten.
Auch er erinnerte sich an diese Tage. An Menschen, die zu ihm gehörten, ob er sie nun liebte oder nicht. An den üblichen Baum, der für alle an Glanz gewann mit jedem Schluck vom schweren Weihnachtspunsch. Damals waren die Jahre angefüllt mit leeren Flaschen, leeren Worthülsen und dem Geruch nach schweren Gedanken. Seine Kindheit zog an ihm vorüber und gab seiner Jugend die Hand.
Langsam schnitt sich hart das Gitter in sein Gesäß. Warme Luft drang nach oben, und setzte aus der feuchtgewordenen Decke Nebel frei. Keiner, sein Hund, schlief neben ihm und atmete wohlig die Gerüche der nahestehenden Wurstbude und verbellte im Traum die Menschen. Er zog den Mantel enger um den dünnen Leib, trank den letzten Schluck Kaffee aus seinem Becher und stellte diesen zurück an seinen Platz neben dem Schild. Dort stand in feinsäuberlicher Schrift geschrieben:

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Manchmal sehnte er sich nach dem Tod, denn dass er den Menschen noch mal wirklich begegnen würde, hielt er für unwahrscheinlicher als diesem zu begegnen. Ja natürlich, da war Keiner, das dicke Fellknäul, das sich irgendwann als er schlief über seine Füße gelegt hatte und einfach geblieben war. Keiner brauchte ihn, so war es eben.
Er begann die Leute herbeizupfeifen, wie jeden Tag. Dabei pfiff er aufs Leben oder das, was für ihn davon übrig geblieben war. Erste Münzen sprangen in seinen Becher und er nickte freundlich. Keiner scherte sich nicht darum wenn er pfiff, nur seine Ohren tanzten im Takt.
Hinter ihnen im Schaufenster schob man gerade eine neue Plastikdame hinein. Auch sie strahlte im hektischen Tanz der Lichterketten. Man stellte sie auf, zog ihr Röckchen zurecht und stülpte ihr eine Weihnachtsmütze über die falschen Haare. Sie lächelt milde, vermutlich ist sie daran gewöhnt.
Weihnachten, ist das nicht egal? Vorweihnachtszeit denke ich, kaufe einen neuen Becher Kaffee und zähle mein Kleingeld.
Keiner schaut mich an.

Die Läden meiner Kindheit

Ein Erzählprojekt im Teestübchen Trithemius.

Dieser Eintrag ist Teil eines Erzählprojekts von Jules van der Ley. In seinem Blogeintrag „Die Läden meiner Kindheit“ erklärt er dazu Intention und Motivation. Dort findet ihr auch weitere Links zu anderen Erinnerungen und Geschichten.
Ein Blick dort hinein lohnt sich auf alle Fälle.

Da sitze ich und habe mich durch ein paar fremde Läden und Erinnerungen gelesen.
Meinen Einstieg fand ich dann bei der Erzählung von Heinrich, denn mir ergeht es ähnlich, viele meiner Erinnerungen bauen sich erst über die Nase und Erlebnisblitze wieder auf. Manche Bilder werden mit der Zeit wieder scharf und finden wie ein altes Foto ihre Farbe und Räumlichkeit wieder. So habe ich mich hingesetzt mit dem Ziel, mit den Tasten einfach einmal meiner Nase zu folgen.
Und da kommt er schon, der erste bleibende Duft meiner Kindheit, windet sich innen an den Nasenflügeln entlang und schenkt mir Veilchenpastillengeruch, eine meiner stärksten Erinnerungen an meine Urgroßmutter. Ich atme tief ein und da sind sie schon die Bilder:
Dunkles Holz herrschte vor, doch die hohen weißen Wände und die stuckverzierten Decken ließen ihm den Platz den es brauchte, um seine Bedrohlichkeit zu verlieren. Da alle Frauen hier arbeiteten, saß ich, 4 oder 5 Jahre alt, oft alleine im Turmzimmerchen und träumte davon, wie Rapunzel mein Haar aus dem Erkerfenster herabzulassen. Ein runder gemütlicher Raum mit kleinen Tischen und einem großen Sofa. Auf der Mitte des kleinsten Tisches thronte das Ziel meiner Begierde, eine kleine blauweiße Porzellanschale mit geschlossenem Deckel. Sie gehörte meiner Urgroßmutter und nur ich hatte ihre Erlaubnis, sie zu öffnen. Wenn ich den Deckel hob, drang der Duft von Veilchenpastillen in meine Nase und kurz darauf sprang eine erste Pastille wie von alleine in meinen Mund. Diese Porzellandose gefüllt mit Veilchenpastillen war gefühlt der erste Laden, den ich betrat und der mich mein Leben lang an meine Urgroßmutter erinnern sollte.

Und während ich schreibe, lutsche ich vergnügt eine Veilchenpastille und genieße den Duft, der mich direkt weiter führt in die Grundschule. Ich hatte Freude daran, dass ich wusste was eine Süßholzwurzel ist und kaufte mir, damals noch für Pfennige, ab und an eine solche. Ich liebte den Moment, wenn sich alles erstaunt um mich versammelte, weil jemand rief: „Jetzt kaut sie ja schon wieder Äste.“ Ein paar meiner Freunde teilten irgendwann meine Leidenschaft und so stiegen die Verkaufszahlen für die geheimnisvolle Wurzel, die wir, wenn ich es richtig erinnere, damals in der Apotheke kauften.
Da ich Einblicke sowohl in der Großstadt als auch auf dem Land hatte, schlagen meine Erinnerungen Haken. Und doch ist mir auch der Süßwarenladen in der Stadt in Erinnerung geblieben. Ein schmaler Gang, ein undefinierbarer Geruch, der einen für fast alles begeisterte, rechts und links die Wände hoch Schütten mit allen erdenklichen Süßwaren. Anfassen durfte man nichts, aber die alte Dame mit der Schürze sauste von Schütte zu Schütte und ab und an gab es auch ein wenig mehr. Damals dachte ich, sie lebt in dem Laden, und an manchen Tagen habe ich sie darum beneidet. Zumeist wenn meine eigenen Vorräte zur Neige gingen.
Ich nahm immer dasselbe, winziges Gummikonfekt und nur aus einem Grund. In der Mischung befanden sich auch ein paar klitzekleine nach Lakritz schmeckende, die sich als Genusshappen bis zuletzt in der Spitze der Tüte sammelten und wie ein Schatz von mir gehütet wurden. Meine Freude an Lakritze ist mir bis heute geblieben, sie führte mich über Salmiakpastillen, Stangen und Schnecken immer wieder in Läden, in denen ich hoffte, auf neue Kreationen zu treffen.
Vor oder Nachteil meiner Kindheit war, dass ich meine kleinen Papiertüten zumeist für mich allein hatte, denn anderen Lakritzliebhabern bin ich im Laufe meines Lebens nur selten begegnet.

So merke ich selbst gerade, wie sich der Lakritzduft heute bei mir über alles andere legt. Vanillemilch, die es bei mir bis heute zu Laugenbrezeln mit Butter gibt, Metzgereibesuche, die mir bis zum Himmel gestunken haben, da ich zu den Kindern gehörte die Fleisch und Wurst nicht riechen und nicht essen wollten, was meine Mutter fast in den Wahnsinn trieb und Unverständnis bei den Verkäufern verursachte, die mir immer wieder scheibenweise Wurst über die Theke reichen wollten. Der Demeter Hof, den ich liebte weil hier alles einfach lecker roch und das Brot so ganz anders war als ich es davor kannte. Da ich das Brot meist tragen durfte, passierte es schon mal, dass ein Eckchen fehlte bis wir zu Hause ankamen.

Vielleicht muss ich mich dem Thema doch anders nähern als nur mit der Nase, denn der Geruch des kleinen Papierladens, des Spielwarenladens, des Schusters, des Pferdezubehörgeschäft, des Eisenwarenladens, müssen besonders tief eingeatmet werden, damit sie beim ausatmen ihren Weg über meine Lebensmittelerinnerungen hinaus wieder finden und ordentliche Bilder erzeugen.

An den Schokoladenladen meiner Urgroßmutter habe ich selbst keine Erinnerung, denn damals gab es mich noch nicht. Und ich bin dankbar, dass sie für mich in meiner Erinnerung nach Veilchenpastillen und nicht nach Schokolade riecht, denn die mag ich nicht wirklich.

So hole ich ein letztes Mal Luft und lächle die alte Frau an, die mir in den italienischen Alpen begegnet ist an. Ein winziger uralter dunkler Laden, irgendwo oben auf dem Berg. Ich trat neugierig ein und sie kam, gebeugt nicht größer als ich, in Falten geworfen, hinter ihrem Tresen hervor. Lugte zwischen Kasse und Waage über die hohe Theke und bot mir ihre Waren an wie kleine Schätze. Die Erinnerung an diesen Moment ist sehr stark, warum auch immer. Vielleicht weil ich damals, 14 Jahre alt, das erste Mal das Gefühl hatte, ein Zeitsprung ist möglich, man muss nur mal mutig einen dieser alten Läden betreten. Und ja, dort in ihrem Laden roch es nach Lakritze.

Und als wir irgendwann einen der letzten Läden eröffnet haben, der mitten in der Stadt noch als Kramladen geliebt wurde, und von der einzelnen Schraube bis hin zu herrlichen Spieluhren alles anbot oder besorgte, träumte ich, inspiriert durch den Laden oben in den italienischen Bergen, von Zeitsprüngen, Begegnungen und kleinen Wundern. Leider hat der Laden die Zeit nicht überdauert und kein Sprung durch irgendeinen Zeitreifen konnte sein Ende aufhalten.

Das Thema ist heute so aktuell wie damals. Ich habe zugesehen, wie eine ganze Straße kleiner Läden nach und nach geschlossen hat, ein Stück Stadtteil seinen Charme beinahe verloren hätte. Und doch, wenn ich ihn heute mal besuche, lächle ich ob der vielen Erinnerungen an die unterschiedlichsten Menschen und bin ihm dankbar, dass es ihn für mich eine Zeit lang gab. Und dann sehe ich mich um, finde neue kleine mutige Läden und schmunzle, denn die Liebe zu solchen Läden ist nicht verloren, nur manchmal vergessen oder findet als Online-Lädchen ein neues Gesicht. Schade nur, dass die Erinnerung daran wohl nur der Duft des eigenen Rechners sein wird.

Wer mag, kann eine weitere Erinnerung an diesen Laden gerne hier nachlesen:
https://sandayblog.wordpress.com/2016/03/23/papier-traegt-nicht-nur-worte/

Dub FX, 21.10.2016, Frankfurt am Main, Batschkapp

22.10.2016, 1 Uhr am Morgen

Körperfunktionen: erste Bestandsaufnahme nach langer Konzertnacht

Tennisbälle unter den Füßen.(Eher vier als zwei)
Die Füße selbst tanzen gefühlt noch immer, zumindest in unserer Vorstellung. Wir überlegen derweil, wie wir unsere angeschlagenen Knochen mit den anderen, die im Schnitt 20-30 Jahre jünger sind als wir, aus der Halle bewegen sollen.
Wir wissen jetzt genau wo das Brustbein sitzt, denn zwischenzeitlich
hat es versucht, vom Bass getragen, den Körper frei schwingend zu verlassen.
Die Steigerung von extremer Hitze, können wir am eigenen Leib
mit gezielten Gänsehaut-Anfällen unter Kontrolle halten.
Vor Freude strahlende Augen sind nicht gleichzusetzen mit
einem irren Blick. Wir strahlen immer so, auch wenn wir nicht ständig
von Strahlern getroffen werden.
Kein Schminkverlust, somit auch kein Gesichtsverlust.
Schon schlau, wenn man gleich ungeschminkt los zieht.
Reflexe 1A, auch nach 4 Stunden im Dauertest.
Augenlider legen sich sanft über die letzten Töne.
Nur gut, dass mein Fahrer Streichhölzer dabei hat und wir so bis nach Hause kommen.

22.10.2016, 2 Uhr im Bett angekommen

Wahnsinn, wer hat die Musik angemacht? Keine an?
Und das ganz ohne Drogen. Irre.
War ich eben noch müde, so möchte ich jetzt gerne weiter tanzen.
Mach ich, mit offenen Augen und träume, bis mich mein
zuckendes, irgendwann mal operiertes, Knie weckt. Ganz schön groß so im Vergleich zu Knie Nr. 2.
Egal, der gefühlte Bass trägt mich wieder in den Schlaf.

22.10.2016, 7 Uhr

Augen klappen von alleine auf. Wie schön.
Bei dem Versuch wie gewohnt aus dem Bett zu steigen habe ich wohl meinen Körper vergessen, der liegt immer noch da wo ich ihn zuletzt abgelegt habe. Ich gehe zurück und hebe ihn an. Wow, Zementsack. Arme und Beine wenden sich der Bettkante zu. Das sah gestern aber noch erheblich eleganter aus. Treppe, könnte man heute auch auf dem Hintern runter rutschen, ginge sicher schneller.
Wer hat eigentlich die Flügel in meine Schulterblätter gerammt? Fliegen möchten die auch nicht, hängen nur zentnerschwer auf meinem Rücken.
Irgendwann, man soll es nicht glauben, habe ich die gefühlt 100kg schwere Kaffeekanne gefüllt.
Stunden später Geräusche am Treppenabsatz. Da ächzt aber Jemand ganz schön. Ich stehe unten an der Treppe und schaue breit grinsend, wie ein zweiter Alien versucht, die Treppe herab zu stolpern.

22.10.2016 kurze Zeit später

Neue Erkenntnis: Ich bin nicht allein. Es gibt noch mehr meiner Art.
Wir tragen uns durch den Tag, wer kann macht und gleichen die knackenden Geräusche unserer Restbestandteilkörper ab.
So viel wie an diesem Tag haben wir lange nicht mehr gelacht und
so ein Konzert schon eine Weile nicht mehr erlebt.

24.10.2016, 20:45 Uhr

Irgendwann werden wir 50 Jahre alt sein und nichts wird uns davon abhalten, die Musik die uns anspricht auch zu erleben.

Gespannt sind wir, wie der nächste Körperfunktionstest ausfallen wird. Bis dahin werden wir tanzen was das Zeug hält. Eben solange unsere Beine uns tragen, unsere Herzen den Takt finden und wir glücklich lachen.

Und während ich das schreibe wird mir klar, warum ich noch heute so extrem gute Laune habe…..und warum  wir nächstes Mal ganz sicher im Vorfeld Bananen essen für den Mehrbedarf an Magnesium so einer Nacht.

So Are You – Dub FX

Brummi auf Reisen

Es sind Tage wie diese oder auch Geschichten auf einem anderen Blog, in diesem Fall dem von Gabi Saler, der mich an eine eigene Geschichte erinnert hat.
Herzlichen Dank Dir fürs Erinnern.

So mag ich Euch heute ein kleines Abenteuer meiner Kindheit mitbringen.

Die Geschichte nahm ihren Anfang an einem regnerischen Tag im guten alten England.
Wir, wieder einmal meine Mama, mein Papa, meine Großmutter, und dieses Mal auch meine große Cousine waren auf dem Weg nach Schottland.
Meine Großmutter und meine Cousine wollten wir erst später am Flughafen abholen, so dass wir nur zu dritt im Auto waren. Ich war noch ziemlich klein. Mein Vater, ein nebenbei gesagt, begnadeter Autofahrer, der mit der Gelassenheit eines Elefanten schon so manche Passstraße bezwungen und auch schon andere Länder mit uns unsicher gemacht hatte, kam nun mit dem spontanen Seitenwechsel doch ein wenig ins Schwitzen.
So fuhren wir an die Grenze. Meine Mutter nervös, denn schließlich war der Rest der Familie noch in der Luft, mein Vater mit sich und der Reiseroute beschäftigt, und ich saß hinten im Auto und bestaunte das neue Land, in dem wir gerade erst angekommen waren.
Mein Vater zockelte im Schritttempo voran bis uns ein freundlich gestimmter Zollbeamter nach den Ausweisen fragte. Meine Mutter schob sie zum Fenster hinaus, wir lächelten alle brav und da geschah es:
„Könnte ich bitte auch den Ausweis der vierten Person im Auto sehen“, donnerte uns plötzlich die eben noch so freundliche Stimme an.
„Wir sind nur zu Dritt.“ antwortete mein Vater.
Zum Glück war sein Englisch ebenso schlecht wie sein Französisch, so dass uns die üblichen Witze meines Vaters darüber, dass der vierte Mann auch nicht tot im Kofferraum liegt, erspart blieben.
Verwirrt sahen wir drei uns an, als der freundliche Beamte uns nun schon wesentlich unfreundlicher aus dem Auto zitierte. Meine Eltern stiegen aus. Ich aber sollte erst mal sitzen bleiben, was ich auch brav tat. Eingeschüchtert krallte ich mich an meinem Lieblings-Teddy fest, als der Zollbeamte, mittlerweile echt ungehalten, die Anweisung gab, dass die zwei hinten im Auto nun aber bitte sofort ebenfalls aussteigen sollten. Ich bekam es mit der Angst zu tun, während ich seiner Zeichensprache folgend, vorsichtig aus dem Auto kletterte. Brummi, den überlebensgroßen Bären, ließ ich dabei nicht los und
langsam rutsche ich mit meinem geliebten Fellknäuel vor die Füße des Briten.
So schnell wie wir aus dem Auto glitten, breitete sich plötzlich ein Lächeln über das Gesicht des Mannes aus. Dann lief er rot an, während er zugab, dass er meinen Brummi doch tatsächlich für einen Menschen gehalten hatte.
Dann sah er mich an und meinte: „Aber einen Pass hat dein Freund trotzdem nicht oder?“
Mein Vater übersetzte und ich schüttelte nur traurig den Kopf. Der wollte doch nicht etwa meinen Brummi nicht in dieses komische Land lassen, schoss es mir durch den Kopf. Nein, das würde ich zu verhindern wissen und wenn ich mich dafür an den Bären ketten müsste. Während meine Gedanken meine Augen Blitze werfen ließen,
lachte der Mann amüsiert auf. „Na, das werden wir jetzt ändern,“ mit diesen Worten verschwand er. Als er kurz darauf wieder kam, hatte er einen Pass für den Bären dabei und überreichte ihn mir stolz. Er wünschte uns eine gute Fahrt und winkte uns noch hinterher.

Als wir ein paar Kilometer weiter gefahren waren, drehte sich meine Mutter zu mir um.
„Eins sag ich Dir, Fräulein. Wenn ich das nächste Mal sage, es geht aber nur ein kleines Tier mit auf Reisen, wirst Du gefälligst auf mich hören!“ Doch während sie noch polterte, sah ich sie schon schmunzeln.
Jedenfalls erzählten wir die Geschichte von Brummi und dem Pass oder wie ein Bär nach England reiste, jedem, der sie hören wollte oder auch nicht.
So ist eben heute der Tag gekommen, an dem ich sie Euch erzählt habe.
Übrigens, Brummi hat noch heute einen Ehrenplatz im Musikzimmer meiner Mutter und der Pass des Bären steckt als Trophäe in einem der vielen Fotoalben.
Brummi selbst erfreut sich bester Gesundheit und ist in die alten Schlafanzüge meines Sohnes hinein gewachsen. Seine schwarze Schnauze mussten wir allerdings viele Male suchen und neu annähen. Drei Generationen haben bis heute ab und an einmal ein Tränchen in seine starken Schultern geweint. Und er, weit gereist wie er ist, lächelt milde und brummelt, wie in alten Tagen, leise vor sich hin.

Und nur für den Fall das jemand die Geschichte nicht glauben mag, anbei ein Bild der Einreiseerlaubnis meines Bären ins Vereinigte Königreich aus dem Jahre 1979.

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Weite Horizonte und warmer Sand

Sonntags ging er regelmäßig in die Kirche. Es wurde gemunkelt, er sei verheiratet.
Doch in all den Jahren, hatte man seine Frau niemals zu Gesicht bekommen.
Seine Stimme fiel auf, wenn sie warm und weich, „Danke für diesen guten Morgen“, intonierte.
So vergingen die Jahre, die Liebe zu seiner Frau aber war frisch wie am ersten Tag.

Vorfreude erfüllte ihn bei dem Gedanken, sie nach all den Jahren wieder zu sehen.
Das Strandhaus war fast abbezahlt, dann würde er sein Ticket kaufen.

Künftig wollten sie nur noch gemeinsam singen:
“ Danke für eure Kollekte, danke für was ihr uns erbaut!“

San, 27.05.2011

Die Kunst des Kartenmischens

Seit Stunden mischte er nun schon stoisch seine Karten.
Ein Lächeln zuckte über den linken Mundwinkel ins Auge und verlosch.
Er aber nahm den Stapel auf, wiederholte mit mittlerweile autistischen Zügen den gleichen Vorgang. Nicht zu übersehen, dass ihm missfiel wie die Karten fielen.

Hoffnung glomm in seinen Augen, als er die zwei Stapel aufnahm und riffelte.
Lautlos glitten die Karten ineinander. Wie Pfirsichkerne kräuselten sich seine Lippen
und die Zornesfalte auf der Stirn beschrieb einen Blitz, der sich wutentbrannt direkt im Glückspunkt entlud.

Draußen donnerte es, als sie das Ass aus dem Ärmel vor ihm auf den Tisch legte.

 San, 23.06.2012

Der Fünf-Punkte-Plan

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Foto vom 28.09.2016

Da sitzt Du in der obersten Ecke im Bad. Dein Körper tief vergraben im immergrünen Efeu.
Eine zarte Staubschicht verleiht Patina, die davon erzählt wie lange Du bei uns bist.

Als ich meine Hand auf deinen glänzenden Rücken lege, beginnst Du wild zu rotieren, trägst meine Gedanken zurück. Ich erinnere mich wie Du damals ziellos wie ich, auf wackeligen Beinen durch die toten Räume gewandert bist.

Ganz sacht setze ich Dich zurück, zähle wie immer deine fünf Punkte nach.
Das fünfte Jahr der neuen Zeitrechnung steht vor der Tür.
Wir die wir Dich lieben sind angekommen und Marienkäfer bringen Glück!

San, 07.07.2012

Der wackelige Gesell hat auch heute noch seinen Ehrenplatz bei uns und ist mittlerweile
10 Jahre alt.

 

Madagaskar 2

Gira 7

Meist setzen Geschichten da an, wo sie einst begannen und so ist es auch heute.
Zurück aus Madagaskar sitze ich am Küchentisch von Scheffe. Das Teekesselchen stimmt sein Lied an, es ist spät in der Nacht. Wie ich hergekommen bin, habe ich vergessen, wie meist, wenn ich die Standorte wechsle, um Geschichten zu erzählen.

Kein Mucks ist zu hören, nur das leise Schnurcheln der Tiere. So werfe ich einen Blick ins Schlafgemach. Da liegen sie, zusammengerollt um die Füße des Mannes mit dem abnehmbaren grauen Schleier vor den Augen. Sehen kann ich das freilich nicht, denn seine Augen sind geschlossen und auch er schläft so tief, als hätten sie alle zuvor viel erlebt.

Sachte zähle ich nach, begleitet vom Geschnatter der Schnatternatter, die mich dazu bringt viele Male neu zu zählen, da sie unermüdlich in meine Gedanken murmelte.
So fange ich ein letztes Mal an. Ein Mann, ein Tiger, ein Eisvogel und draußen vor der Türe das Gesabbel der Gänse. Doch was war das?
 Das Fenster ist weit geöffnet und auf der Fensterbank liegt etwas wie zufällig abgelegt. Ein langer Hals, der bis auf den Boden des Schlafzimmerbodens führt. Über und über voll leuchtend roter Flecke und am Ende ein Kopf mit einer viel zu langen Zunge, die sich, am Kopf befestigt, eingerollt neben eben diesem abgelegt hat. Hinter den Ohren von Girá, Obrigado, auch nicht mehr wirklich in Originalfarben, aber deutlich zu erkennen. Eindeutig Gira und Obrigado. Doch standen sie nicht eben noch gemeinsam in Madagaskar und betrachtete den Sonnenuntergang am Fluss?

Das macht mich neugierig, und leise schleiche ich mich an den Bettpfosten heran und wecke das Eisvögelchen, wie es sich gehört, mit einem Fischlein aus seinen Träumen. Seine intelligenten Augen klappen auf und müde sieht er mich an.

„Ich habe Dir einen Fisch mitgebracht, mein Lieber.“

„Was?“ (*gähn*) „Weißt Du eigentlich wie spät es ist?“

„Klar doch, es ist 5 Uhr in der Früh.“

„Haha, sehr lustig, wohl mal wieder in Morgenhumor gebadet oder?“

„Kann sein, es ist auch für mich sehr früh.“

„Wie schön und warum schläfst Du dann nicht?“

„Keine Ahnung, ehrlich gesagt liegt es vermutlich daran, dass ich plötzlich in der Küche saß. Wusste, dass Scheffe Girá vermisst und da habe ich mich gefragt, warum nicht auch Obrigado? Denn eben noch, so kommt es mir vor, habe ich die beiden in Madagaskar gesehen und ihre Geschichte erzählt. Dann habe ich Euch hier schnurcheln gehört, habe nachgesehen und dabei festgestellt, dass Girá über den Fenstersims ins Schlafzimmer hängt und Obrigado vermutlich über ihren Hals direkt hinter ihrem Ohr in den Schlaf gerutscht ist. Schlicht, so scheint es, seid ihr wieder vollständig.
“

„Genau! Schlaf, ist ein gutes Stichwort. Wir haben geschlafen und Du hättest jeden hier wecken können, aber Du musstest ja ausgerechnet mir den Fisch vor den Schnabel halten. Waaaarum?“

„Mir war offenbar nicht klar, dass Du ein Morgenmuffel bist. Jetzt bist Du aber wach und kannst mir die Geschichte erzählen oder?“

„Zunächst, wach bin ich erst nach dem 2. Fisch. Nach 2 Fischen schalte ich mein altes Hirn vielleicht ein.“

Ich reiche ihm einen 2. Fisch.

„Und?“

„Na schön, dann tauschen wir halt mal die Plätze und ich erzähle Dir, was ich weiß.“

Sprachs, schüttelte das Gefieder und begann zu erzählen.

„Ich flog gerade vor mich hin, eine weite Reise hatten mir meine Flügel da aufgetragen. Ich schwirrte und flatterte, denn der Duft eines Fisches zog mich wie magisch an. Schließlich sah ich von oben Wasser und eine riesige Insel. Vor der Küste entdeckte ich den mich begleitenden Duft in Form eines riesigen Fisches. Den hol ich mir, dachte ich und setzte zum Sinkflug an. Pustekuchen, 22 Meter über dem Fisch stieg mir Salzluft in den Schnabel. Igittigittigitt. Abgesehen davon, dass der Fisch viel zu groß war, drehte ich lieber schnell ab. 
Da, mitten in der Drehung entdeckte ich einen mir bekannten Hals. Ich dachte erst, ich hätte Salzwasser im Auge, aber da stand sie. Girá. Leuchtend rot, wo vorher einmal braune Flecken waren, und hinter ihrem Ohr hervor sah mich Obrigado mit seinen großen Augen an. Also habe ich den Schnabel erneut gewendet, wollte gerade landen, da waren die beiden verschwunden. Einfach so, weg. Ich flog auf einen Baum nahe des Flusses, wo ich sie eben noch gesehen hatte. Starrte auf das rote Wasser und entdeckte einen Strudel und, glaub es oder nicht, mitten im Strudel einen herrlich nach Süßwasser duftenden Fisch. Du kannst Dir vorstellen, den konnte ich mir doch nicht entgehen lassen. Also erneuter Sturzflug, mitten hinein in den Strudel. Pustekuchen! Kein Fisch mehr da, aber mir zog es die Flügel nach hinten, den Schnabel nach vorne und ab ging es durch eine rosarote Achterbahn. Herrje, Du kannst Dir vorstellen, schneller als der Schall und alles drehte sich. Ich wollte gerade mein letztes Abendgebet sprechen, da sah ich für eine Sekunde Girás rote Flecken und ihren sanftmütigen Blick. Dann rauschte es wie wild und neben mir ein rostroter Wasserfall hier im Strudel, daraus blitzen Obrigados gelbe Augen hervor. Dann ging alles ganz schnell. Mit wildem Zischen spuckte mich der Strudel aus und ich tauchte daheim mitten im Gartenteich wieder auf.
Irre war das, und glaub es oder nicht, vor mir sprang der verfolgte Fisch direkt neben der Seerose aus dem Wasser. Klar, den hab ich mir zuerst geschnappt, dann mein Gefieder durchgepustet und bin schließlich auf die Wiese gehüpft. Hier saßen alle zusammen am Gartentisch. Du kannst Dir vorstellen, noch nicht einmal 22 Uhr, haben wir das Wiedersehen kräftig gefeiert. Scheffe hat vielleicht gestrahlt, aber das kannst Du Dir bestimmt vorstellen. Als es keine Johannisbeere mehr gab, merkten wir, dass es spät geworden war. So sprangen alle bis auf Girá, die ist aber auch ein bisschen zu groß, und Obrigado, der kann sich im Moment irgendwie nicht von ihr trennen, auf Scheffes Arm und ließen uns von ihm zum Bettchen tragen. Klare Sache, geschlafen wurde am Fußende und auf dem Bettpfosten. Ratzfatz waren wir im Reich der Träume angekommen. Da urplötzlich völlig aus der Zeit, weckt Scheffe Tigerchen und mich, am Rande das war um 03:30 Uhr, ganz viel grau in den Augen, denn er dachte nach einem kurzen Schlaf, er hätte Girá und Obrigado schon wieder verloren, vermutlich hat er sie draußen bei seinem Rundgang wohl übersehen.

Mal am Rande liebe Erzählerin, das war vor knapp eineinhalb Stunden … Wir konnten Scheffe aber beruhigen, zeigten ihm Girás Kopf im Schlafzimmer und schon war der Glanz in seinen Augen wieder da, bevor seine Äuglein erneut zu klappten. Girá und ihr kleiner Freund waren ja nicht weg, so wie sie auch jetzt da sind und sich sicher nicht wegbewegen, bis sie mal ordentlich ausgeschlafen haben. Sie hatten, Dank Johannisbeerstrudel und Johannisbeersekt zur Feier, schlicht keinen Tee, aber dafür mächtig einen im Tee. Was soll ich sagen, Girá ist dann mitsamt Obrigado an der Hauswand herab gerutscht, das Schlafzimmerfenster war, wie in lauen Sommernächten üblich, geöffnet, der Kopf samt Hals glitt durch die Öffnung und so liegen sie immer noch da. Wer bitte von uns sollte denn auch eine schlafende Giraffe bewegen? So, fertig ist die Geschichte und ganz ehrlich, Du und Scheffe habt mir den Schlaf geraubt. Da wäre schon mal eine Entschuldigung angebracht. Ich mag ja der Älteste sein, aber ich träume auch sehr gerne. Das kann ich aber nicht, wenn ihr mich andauernd weckt!“

„Jetzt sei mal nicht gleich sauer, kleiner Eisvogel. Immerhin, wenn ich richtig zugehört habe, wäre mein zweiter Fisch der dritte Fisch an diesem Tag gewesen, wenn Du den großen auch noch verputzt hättest. Nimm ihn als Dank und knurr mich nicht mehr an. Ich singe Dir auch ein Schlaflied und Du darfst heut länger träumen als der Rest der Bande. Ist das ein Angebot?“

„Eigentlich sind es nur zwei Fisch heute. Da war ja eine Nacht dazwischen und gegessen habe ich den großen Fisch auch nicht. Aber nun gut, ich bin der Ältere und will mal nicht so sein. Und jetzt sing! Gute Nacht.“

Sprachs und war auch schon eingeschlafen, bevor der erste Ton gesungen war.
Aber Erzähler sollten sich in Geschichten auch nicht allzu sehr einmischen, nicht dass diese noch ihre Farbe verlieren. So ging ich zurück in die Küche, trank noch ein Tässchen Tee, lächelte die Zuckerdose an und ging dann zurück an meinen Platz.
Bis zu dem Tag, wenn wieder einmal eines der Tiere oder gar Scheffe selbst mich für eine ihrer Geschichten dazu rufen.

*Mein Dank an die stets inspirierende Feder des Eisvogels*

Icy

 

Kleinkarierte Socken

Kleinkarierte Socken an den warmen Füßen, stieg ein Mann des Nachts über die hölzernen Stiegen hinauf in den Glockenturm der alten Kirche. Der Pullunder über dem kratzigen Hemd ließ seine Gesichtszüge in ein wohlbekanntes Muster fließen. Mundwinkel zeigen zum Boden, die Augen zu Sehschlitzen geformt, nahmen die Zornesfalten zwischen den Brauen ihren Platz ein. Es war tiefe Nacht als er die letzte Stufe erklomm und die schwere hölzerne Tür öffnete.

Schwarze Schatten zogen durch den zugigen Turm und tanzten, wie jede Nacht, auch heute vor dem fast vollen Mond. Nur der eine von ihnen an der gegenüberliegenden Wand schien ein anderes Spiel zu spielen. Er löst sich von der Mauer und dreht sich wie ein Kreisel um die eigene Achse. Der alte Mann erstarrte vor Schreck und grub die kleinkarierten Socken in den alten Dielenboden. Mit furchtsam weit aufgerissenen Augen versuchte sein Blick dem Spiel zu folgen, schafft es aber nur mit Mühe. Keine Form war auszumachen, keine Größe einzuschätzen.

So stand er da, der Alte, und staunte. In seiner Welt war doch alles zählbar, messbar oder zumindest zuzuordnen. Und in genau fünf Minuten musste er die alte Glocke läuten, um dem Ort die mitternächtliche Stunde zu schlagen. Der Schatten färbte sich derweil hellrot, blutrot, orange. Veränderte die Form erneut, verzog sich zuletzt zu einem breiten, Grinsen. Dieses schwang, so in Form gebracht, nun gelassen am Glockenseil.

Vorsichtig lösten sich die kleinkarierten Socken aus ihrer Starre, huschten hinüber zum Glockenseil. Die Arme des Mannes griffen achtsam nach vorne. Noch drei Minuten bis Mitternacht. Seine Hand umfing das Seil am unteren Ende und schob sich vorsichtig nach oben, wo der mittlerweile knallrote Schatten, so schien es dem Mann, noch immer hämisch grinste.

Die kleinkarierten Socken drehten den Arm, der Mann sah auf seine Uhr. Zwei Minuten noch bis zur vollen Stunde. Angstschweiß rann durch die Furche seiner Zornesfalte. Die Augenschlitze gaben nunmehr kaum noch einen Blick auf das Geschehen frei. So schob er die Hände weiter nach oben dem roten Schimmer entgegen. Gleich sollte es Mitternacht schlagen und nur er konnte es vollbringen.
Mit letzter Kraft und einem kräftigen Ruck zog er am Seil. Als dieses sich in Bewegung setzte, kam das Grinsen näher. Rutschte über die Hände des Mannes, über die Arme, am Herz vorbei, mitten in dessen Gesicht. Der erste Glockenschlag erklang und der Mann lauschte erleichtert dessen dunklen Ton. Er sah sich um, aber der Schatten, so schien es, war verschwunden.

Mitternacht war vorbei, aber der Mann saß noch lange auf den alten Bohlen und hielt Ausschau nach dem Schatten, der sich aber nicht mehr zeigte.

In den frühen Morgenstunden kletterten die kleinkarierten Socken schließlich doch die Stiegen des Glockenturms hinab. Der Angstschweiß war getrocknet und so holte der Mann mit ungewohnt weiten Schritten aus und trat ins Freie. Die Sonne schien ihm warm ins Gesicht, das Gras vor seinen Füßen wirkte auf einmal so viel grüner, so dass er Schuhe und Socken auszog und einfach stehen ließ. Mit schwingenden Armen ging er durch die Wiese und traf schließlich auf eine Schar ihm wohlbekannter Kinder. Doch streckten sie ihm nicht wie sonst die Zunge heraus oder machten aus sicherer Entfernung Witze über ihn. Nein, sie warfen ihm den Ball zu, den er völlig verdattert auffing. Da stand er, den Ball in der Hand und verstand die Welt nicht mehr, warf ihn zurück und ging durch den Wald hindurch nach Hause.

Dort sah er in den Spiegel und jetzt begriff auch er was geschehen war. Da war es – sein altes Lächeln, mitten in seinem Gesicht. Lachfalten zogen sich um die Augen, die ihn mit freudig erkennendem Blick aus dem Spiegel heraus ansahen. Selbst die Zornesfalten legten sich gelassen herzförmig neu zusammen. Er lachte laut auf und klopfte sich sanft auf die Schulter. Er hatte die Furcht überwunden und sein Lächeln umgab ihn nun wieder mit all den roten Tönen, die er so lange vermisst hatte. Was in so einer Blutmondnacht nicht alles passieren kann.

Ein wenig später kam eine Frau auf der Wiese vor dem Glockenturm vorbei, fand die kleinkarierten Socken und die Schuhe, schlüpfte hinein und ging mit kleinen, akkuraten Schritten davon.

Blutmond 3

 

Der buchstäblich berechnende Säbelzahntiger

„Seltenheitswert besitzen diese Schuhe nicht, nicht einmal ein mir vertrautes Leder“ sprach sie und trat mit voller Wucht gegen die beiden Schuhspitzen. Sekunden später flogen diese mit der brachialen Gewalt eines Tornados der Zimmerdecke entgegen. „Ach“, ging es Mandy durch den Kopf, als die beiden Geschosse schon mit einer das Trommelfell schädigenden Geräuschkulisse den großen Kaktus im Wintergarten zerteilten, und in die diesen eben noch umgebenden Blumenerde einsackten. Mandy besah gelassen den Schaden, nahm ihre Zigarettenspitze heraus und zündete sich eine ihrer geliebten Zigaretten an. Während sie sich ihre Füße anschaute und feststellte, dass kleine Sägen die Schuhspitzen krönten. Leise hörte man sie murmeln: „Doch ein Alleinstellungsmerkmal.“ Unterdessen schickten sich die ersten Rauchwolken an, in Richtung der Zimmerdecke zu entfliehen und sich dort gleichsam wieder aufzulösen. Nachdenklich sah sie ihnen nach, und fragte sich nun doch, „wenn nicht hier, wo dann bitte Luigis Füße nun ihr Unwesen trieben?“ Gedankenverloren ging sie zur Haustür, lächelte noch ein letztes Mal in den sie eben noch umgebenden Raum und bemerkte erst als die die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, dass Blut ihre Zehen durchtränke und ihre Schuhe in einem unmodischen Farbenspiel schimmern ließen.

Ihr wurde schwarz vor den Augen und sie sank in sich zusammen. Als sie wieder zu sich kam, schien die Welt um sie herum in weite Ferne gerückt. „Unendlich still ist es in der Unendlichkeit…“ war der erste Gedanke, der ihr in den Sinn kam. Sie wusste nicht, warum sie ihn gedacht hatte. „Nur ein kleines Missverständnis und eine Kreislaufschwäche“ verlautete eine freundliche Stimme aus einem weißen Kittel und eine Hand tätschelte Mandy beruhigend die Wange. „Sie wurden hier ohne Papiere eingeliefert und im Laufe der Untersuchung hat Ihnen jemand versehentlich die Krankenakte einer anderen Patientin mitgegeben. Es wird sich alles aufklären. Ihre Angehörigen haben sich bisher noch nicht gemeldet. Vielleicht können wir sie nun mit Ihrer Hilfe verständigen.“ Die Stimme samt weißem Kittel entfernte sich ein paar Schritte und ließ weitere Fragezeichen im Raum stehen.

Sachte griff Mandy nach dem ihr nahestehenden Fragezeichen, umschloss es sanft mit ihrer schwerfälligen kleinen Gips Hand und zog es näher an sich heran. Auf Augenhöhe ließ sie es stehen und bemerkte, welch wunderbare Form es zeigte. Der große Punkt am unteren Ende, sah nach einem Abschluss aus, der sich ihr aber nicht erschloss. Wild begann sie mit den Wimpern zu klimpern, um Bewegung in die sich ihr nicht erschließende Form zu bringen. Da begann sie zu lächeln und schob behutsam das Fragezeichen zurück an seinen Platz. „Nein, es war nicht die Zeit für Fragen.“ Mit diesen Gedanken glitt sie Minuten später zurück in einen erholsamen Schlaf und in ihren Traum. Lediglich das Fragezeichen kam nicht zur Ruhe und begann, wild die Farbe wechselnd zu blinken. Dann wurde es blass und ein mehr als zwei Meter großes I nahm seinen Platz ein. I wie Igitt, wie Irrsinn. Sie zuckte angsterfüllt zusammen und schoss in Windeseile zurück unter die strabbelige Decke. Erst Minuten später, in der Annahme der Spuk wäre vorbei, schob sie sachte ihren Haarschopf wieder hervor. Wie kleine Antennen krabbelten ihre Haare in den Raum und versuchten Sonden gleich, erste Signale aufzufangen. Nichts, Totenstille, nur der sterile Geruch des kalten Raumes kroch ihr unangenehm in die Nase und verführte sie zu einem vorsichtigen ersten Blick in die Wirklichkeit, der seine Wirkung nicht verfehlte. „Inkarnation“ zischte das neugeborene I in ihre Realität. „Ich hätte da mal eine Frage“ vernahm sie gerade noch, als plötzlich Musik einsetze und das wilde, ungestüme I in ein J verwandelte. J wie Jagdfieber, wie Jadegrün, wie Jaguar. „Mein Auto, wo ist mein Auto?“ wollte nun auch noch der Mann im Ohr von ihr wissen. Das war zu viel.

Das J verformte sich langsam weiter und platzierte sich punktgenau vor die nächstbeste frei im Raum stehende Frage. Allerdings stand es nun auf dem Kopf. „Hola ¿Qué tal?“ vernahm Mandy danach und bemerkte sogleich, dass sich ein zweites Fragezeichen am Ende des Satzes hinzugesellt hatte. Wer redete sie denn auf einmal in einer fremden Sprache an?

Mandy stand mitten im Raum und traumlos formulierte sie mühsam eine Antwort. „Wo Fragen sind müssen Antworten her“ ließ ihr Gefühl sie denken. „Gefühle, die denken“, das nun wieder war ihr völlig neu. Elfengleich zog sie schwebend den dekorativen grünen Kittel mühsam über ihren Pobacken zusammen. „B wie bereit“ meldete sich ihr Gefühl erneut. „Bereit?“ „So ein blubbernder Quatsch“ quoll es aus ihr hervor. Das Alphabet begann zu tanzen und brachte doch keinen Takt in die denkenden Gefühle. So kam, was kommen musste. Mandy ergab sich ihrem Gefühl und stellte das aufgedrängte Denken ein. A ffenzirkus, B ärentanz, C hamäleonfarbwechsel, D enkpause…….Schlaf ohne Fragezeichen.

So entkam sie und rannte immer tiefer in ihr Bettchen unter die Decke, in sich hinein. Kein einziger Buchstabe, der sie mehr quälte. „Z wei“ beendete sie die Kette der Buchstabenreihe, bevor nun genau diese Zahl begann, irrwitzige Zahlenreihen zu gebären, die ab und an von einem Zeichen begleitet ihr vorrechneten, wo es hinging. Zuletzt stand sie vor einer Tür, darauf stand „00“. Stimmt, durch diese Tür wollte sie doch schon vor Stunden, verlor sich auch dieser Gedanke, während weitere Nullen sich eifrig dazu gesellten. 0000000000 liefen die eiförmigen Dinger so lange vor ihren Augen umher, bis sie Eier sah. Bio-Eier, sie bekam Hunger. Doch schon verliefen die Eier bis zur Unkenntlichkeit, um kurz darauf in neuer Gestalt zu schwirren.
€€€€€€€, schienen sie sich der Welt zu öffnen, dann sah Mandy nur noch $-Zeichen und diese fingen zu allem Überfluss damit an, Bilder an die gegenüberliegende Wand zu werfen, bis schließlich ein klares Bild entstand.

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„Luigi!“ schrie sie, während sie sich aufsetzte. „Er ist hier.“ „Luigi!“ klang es ein weiteres Mal, bevor sie zurück in ihre Kissen fiel und sich dem Schicksal des Grauens übergab. „Ein Säbelzahntiger, ich habe es gewusst.“ nuschelte sie undeutlich, während ihre Arme erneut unkoordiniert durch die Luft fuhren, um dem Tiger sein Halsband anzulegen. Ein leises *Groarrrrrrrrrrr* stürmte ihr aus dem offen stehenden Maul entgegen, da war der Kampf auch schon vorbei und er geflüchtet.

Luigi stand wie aus dem Nichts hereingetreten an ihrem Bett, seine Hand auf ihrer Stirn, und lächelte. „40° und mehr“ bedeutete er ihren wild zuckenden Augenlidern. Wie auf Samtpfoten lief er zum gegenüberliegenden Fenster und zog den Vorhang beiseite, um erste Sonnenstrahlen herein zu lassen. Diese aber mischten sich unter Mandys Augenlidern zu einem Höllenfeuer und sie begann, mit Armen und Beinen zu fuchteln, löste sich dabei unmerklich von ihrer Decke, und bevor Luigi zurückspringen konnte, platschte sie mit einem lauten Knall, aber einer gekonnten Landung vor seinen Füßen auf den Boden. Zu seinem Erstaunen lächelte sie nun mit offenen Augen von unten herauf, strahlte ihn an und hielt ihm ihr Kopfkissen entgegen. „Ich habe ihn, schau mal.“ wedelte sie mit dem verschwitzten Kissen vor seiner Nase herum. Beherzt griff Luigi nach dem vermeintlichen Säbelzahntiger, schmiss ihn zurück auf das Bett und sich heldenhaft darauf. Schließlich reichte er Mandy die Hand, zog sie herauf und kippte sie zurück auf ihr Krankenlager. „Schau, ich habe ihn gebändigt, nur für Dich Sonnenschein.“ flüsterte er, unter vorgegaukelter strengster Geheimhaltung, in ihr Ohr. „Ich lasse ihn bei Dir, er wird Dich bewachen.“ lachte er leise auf, während er rückwärtsgehend das Zimmer verließ.

Mandys Augen strahlten den Tiger an. Sie warf ihre Lockenmähne auf seinen breiten Rücken, während das Fieber ihr sanft die Augen wieder schloss. „Komm her, Du verrücktes Tier.“ hörte man sie noch murmeln, als die ersten Schnurchelgeräusche zu vernehmen waren und man zusehen konnte, wie sie in einen vielleicht letzten erholsamen, nun traumlosen Schlaf fiel.

In Gedenken an Waltraud.
Auch heute noch mein Dank an sie, nicht nur für diese gemeinsame, herrlich fiktive Reise.

Jim Croce – Time In A Bottle