Madagaskar 2

Gira 7

Meist setzen Geschichten da an, wo sie einst begannen und so ist es auch heute.
Zurück aus Madagaskar sitze ich am Küchentisch von Scheffe. Das Teekesselchen stimmt sein Lied an, es ist spät in der Nacht. Wie ich hergekommen bin, habe ich vergessen, wie meist, wenn ich die Standorte wechsle, um Geschichten zu erzählen.

Kein Mucks ist zu hören, nur das leise Schnurcheln der Tiere. So werfe ich einen Blick ins Schlafgemach. Da liegen sie, zusammengerollt um die Füße des Mannes mit dem abnehmbaren grauen Schleier vor den Augen. Sehen kann ich das freilich nicht, denn seine Augen sind geschlossen und auch er schläft so tief, als hätten sie alle zuvor viel erlebt.

Sachte zähle ich nach, begleitet vom Geschnatter der Schnatternatter, die mich dazu bringt viele Male neu zu zählen, da sie unermüdlich in meine Gedanken murmelte.
So fange ich ein letztes Mal an. Ein Mann, ein Tiger, ein Eisvogel und draußen vor der Türe das Gesabbel der Gänse. Doch was war das?
 Das Fenster ist weit geöffnet und auf der Fensterbank liegt etwas wie zufällig abgelegt. Ein langer Hals, der bis auf den Boden des Schlafzimmerbodens führt. Über und über voll leuchtend roter Flecke und am Ende ein Kopf mit einer viel zu langen Zunge, die sich, am Kopf befestigt, eingerollt neben eben diesem abgelegt hat. Hinter den Ohren von Girá, Obrigado, auch nicht mehr wirklich in Originalfarben, aber deutlich zu erkennen. Eindeutig Gira und Obrigado. Doch standen sie nicht eben noch gemeinsam in Madagaskar und betrachtete den Sonnenuntergang am Fluss?

Das macht mich neugierig, und leise schleiche ich mich an den Bettpfosten heran und wecke das Eisvögelchen, wie es sich gehört, mit einem Fischlein aus seinen Träumen. Seine intelligenten Augen klappen auf und müde sieht er mich an.

„Ich habe Dir einen Fisch mitgebracht, mein Lieber.“

„Was?“ (*gähn*) „Weißt Du eigentlich wie spät es ist?“

„Klar doch, es ist 5 Uhr in der Früh.“

„Haha, sehr lustig, wohl mal wieder in Morgenhumor gebadet oder?“

„Kann sein, es ist auch für mich sehr früh.“

„Wie schön und warum schläfst Du dann nicht?“

„Keine Ahnung, ehrlich gesagt liegt es vermutlich daran, dass ich plötzlich in der Küche saß. Wusste, dass Scheffe Girá vermisst und da habe ich mich gefragt, warum nicht auch Obrigado? Denn eben noch, so kommt es mir vor, habe ich die beiden in Madagaskar gesehen und ihre Geschichte erzählt. Dann habe ich Euch hier schnurcheln gehört, habe nachgesehen und dabei festgestellt, dass Girá über den Fenstersims ins Schlafzimmer hängt und Obrigado vermutlich über ihren Hals direkt hinter ihrem Ohr in den Schlaf gerutscht ist. Schlicht, so scheint es, seid ihr wieder vollständig.
“

„Genau! Schlaf, ist ein gutes Stichwort. Wir haben geschlafen und Du hättest jeden hier wecken können, aber Du musstest ja ausgerechnet mir den Fisch vor den Schnabel halten. Waaaarum?“

„Mir war offenbar nicht klar, dass Du ein Morgenmuffel bist. Jetzt bist Du aber wach und kannst mir die Geschichte erzählen oder?“

„Zunächst, wach bin ich erst nach dem 2. Fisch. Nach 2 Fischen schalte ich mein altes Hirn vielleicht ein.“

Ich reiche ihm einen 2. Fisch.

„Und?“

„Na schön, dann tauschen wir halt mal die Plätze und ich erzähle Dir, was ich weiß.“

Sprachs, schüttelte das Gefieder und begann zu erzählen.

„Ich flog gerade vor mich hin, eine weite Reise hatten mir meine Flügel da aufgetragen. Ich schwirrte und flatterte, denn der Duft eines Fisches zog mich wie magisch an. Schließlich sah ich von oben Wasser und eine riesige Insel. Vor der Küste entdeckte ich den mich begleitenden Duft in Form eines riesigen Fisches. Den hol ich mir, dachte ich und setzte zum Sinkflug an. Pustekuchen, 22 Meter über dem Fisch stieg mir Salzluft in den Schnabel. Igittigittigitt. Abgesehen davon, dass der Fisch viel zu groß war, drehte ich lieber schnell ab. 
Da, mitten in der Drehung entdeckte ich einen mir bekannten Hals. Ich dachte erst, ich hätte Salzwasser im Auge, aber da stand sie. Girá. Leuchtend rot, wo vorher einmal braune Flecken waren, und hinter ihrem Ohr hervor sah mich Obrigado mit seinen großen Augen an. Also habe ich den Schnabel erneut gewendet, wollte gerade landen, da waren die beiden verschwunden. Einfach so, weg. Ich flog auf einen Baum nahe des Flusses, wo ich sie eben noch gesehen hatte. Starrte auf das rote Wasser und entdeckte einen Strudel und, glaub es oder nicht, mitten im Strudel einen herrlich nach Süßwasser duftenden Fisch. Du kannst Dir vorstellen, den konnte ich mir doch nicht entgehen lassen. Also erneuter Sturzflug, mitten hinein in den Strudel. Pustekuchen! Kein Fisch mehr da, aber mir zog es die Flügel nach hinten, den Schnabel nach vorne und ab ging es durch eine rosarote Achterbahn. Herrje, Du kannst Dir vorstellen, schneller als der Schall und alles drehte sich. Ich wollte gerade mein letztes Abendgebet sprechen, da sah ich für eine Sekunde Girás rote Flecken und ihren sanftmütigen Blick. Dann rauschte es wie wild und neben mir ein rostroter Wasserfall hier im Strudel, daraus blitzen Obrigados gelbe Augen hervor. Dann ging alles ganz schnell. Mit wildem Zischen spuckte mich der Strudel aus und ich tauchte daheim mitten im Gartenteich wieder auf.
Irre war das, und glaub es oder nicht, vor mir sprang der verfolgte Fisch direkt neben der Seerose aus dem Wasser. Klar, den hab ich mir zuerst geschnappt, dann mein Gefieder durchgepustet und bin schließlich auf die Wiese gehüpft. Hier saßen alle zusammen am Gartentisch. Du kannst Dir vorstellen, noch nicht einmal 22 Uhr, haben wir das Wiedersehen kräftig gefeiert. Scheffe hat vielleicht gestrahlt, aber das kannst Du Dir bestimmt vorstellen. Als es keine Johannisbeere mehr gab, merkten wir, dass es spät geworden war. So sprangen alle bis auf Girá, die ist aber auch ein bisschen zu groß, und Obrigado, der kann sich im Moment irgendwie nicht von ihr trennen, auf Scheffes Arm und ließen uns von ihm zum Bettchen tragen. Klare Sache, geschlafen wurde am Fußende und auf dem Bettpfosten. Ratzfatz waren wir im Reich der Träume angekommen. Da urplötzlich völlig aus der Zeit, weckt Scheffe Tigerchen und mich, am Rande das war um 03:30 Uhr, ganz viel grau in den Augen, denn er dachte nach einem kurzen Schlaf, er hätte Girá und Obrigado schon wieder verloren, vermutlich hat er sie draußen bei seinem Rundgang wohl übersehen.

Mal am Rande liebe Erzählerin, das war vor knapp eineinhalb Stunden … Wir konnten Scheffe aber beruhigen, zeigten ihm Girás Kopf im Schlafzimmer und schon war der Glanz in seinen Augen wieder da, bevor seine Äuglein erneut zu klappten. Girá und ihr kleiner Freund waren ja nicht weg, so wie sie auch jetzt da sind und sich sicher nicht wegbewegen, bis sie mal ordentlich ausgeschlafen haben. Sie hatten, Dank Johannisbeerstrudel und Johannisbeersekt zur Feier, schlicht keinen Tee, aber dafür mächtig einen im Tee. Was soll ich sagen, Girá ist dann mitsamt Obrigado an der Hauswand herab gerutscht, das Schlafzimmerfenster war, wie in lauen Sommernächten üblich, geöffnet, der Kopf samt Hals glitt durch die Öffnung und so liegen sie immer noch da. Wer bitte von uns sollte denn auch eine schlafende Giraffe bewegen? So, fertig ist die Geschichte und ganz ehrlich, Du und Scheffe habt mir den Schlaf geraubt. Da wäre schon mal eine Entschuldigung angebracht. Ich mag ja der Älteste sein, aber ich träume auch sehr gerne. Das kann ich aber nicht, wenn ihr mich andauernd weckt!“

„Jetzt sei mal nicht gleich sauer, kleiner Eisvogel. Immerhin, wenn ich richtig zugehört habe, wäre mein zweiter Fisch der dritte Fisch an diesem Tag gewesen, wenn Du den großen auch noch verputzt hättest. Nimm ihn als Dank und knurr mich nicht mehr an. Ich singe Dir auch ein Schlaflied und Du darfst heut länger träumen als der Rest der Bande. Ist das ein Angebot?“

„Eigentlich sind es nur zwei Fisch heute. Da war ja eine Nacht dazwischen und gegessen habe ich den großen Fisch auch nicht. Aber nun gut, ich bin der Ältere und will mal nicht so sein. Und jetzt sing! Gute Nacht.“

Sprachs und war auch schon eingeschlafen, bevor der erste Ton gesungen war.
Aber Erzähler sollten sich in Geschichten auch nicht allzu sehr einmischen, nicht dass diese noch ihre Farbe verlieren. So ging ich zurück in die Küche, trank noch ein Tässchen Tee, lächelte die Zuckerdose an und ging dann zurück an meinen Platz.
Bis zu dem Tag, wenn wieder einmal eines der Tiere oder gar Scheffe selbst mich für eine ihrer Geschichten dazu rufen.

*Mein Dank an die stets inspirierende Feder des Eisvogels*

Icy

 

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