Der buchstäblich berechnende Säbelzahntiger

„Seltenheitswert besitzen diese Schuhe nicht, nicht einmal ein mir vertrautes Leder“ sprach sie und trat mit voller Wucht gegen die beiden Schuhspitzen. Sekunden später flogen diese mit der brachialen Gewalt eines Tornados der Zimmerdecke entgegen. „Ach“, ging es Mandy durch den Kopf, als die beiden Geschosse schon mit einer das Trommelfell schädigenden Geräuschkulisse den großen Kaktus im Wintergarten zerteilten, und in die diesen eben noch umgebenden Blumenerde einsackten. Mandy besah gelassen den Schaden, nahm ihre Zigarettenspitze heraus und zündete sich eine ihrer geliebten Zigaretten an. Während sie sich ihre Füße anschaute und feststellte, dass kleine Sägen die Schuhspitzen krönten. Leise hörte man sie murmeln: „Doch ein Alleinstellungsmerkmal.“ Unterdessen schickten sich die ersten Rauchwolken an, in Richtung der Zimmerdecke zu entfliehen und sich dort gleichsam wieder aufzulösen. Nachdenklich sah sie ihnen nach, und fragte sich nun doch, „wenn nicht hier, wo dann bitte Luigis Füße nun ihr Unwesen trieben?“ Gedankenverloren ging sie zur Haustür, lächelte noch ein letztes Mal in den sie eben noch umgebenden Raum und bemerkte erst als die die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, dass Blut ihre Zehen durchtränke und ihre Schuhe in einem unmodischen Farbenspiel schimmern ließen.

Ihr wurde schwarz vor den Augen und sie sank in sich zusammen. Als sie wieder zu sich kam, schien die Welt um sie herum in weite Ferne gerückt. „Unendlich still ist es in der Unendlichkeit…“ war der erste Gedanke, der ihr in den Sinn kam. Sie wusste nicht, warum sie ihn gedacht hatte. „Nur ein kleines Missverständnis und eine Kreislaufschwäche“ verlautete eine freundliche Stimme aus einem weißen Kittel und eine Hand tätschelte Mandy beruhigend die Wange. „Sie wurden hier ohne Papiere eingeliefert und im Laufe der Untersuchung hat Ihnen jemand versehentlich die Krankenakte einer anderen Patientin mitgegeben. Es wird sich alles aufklären. Ihre Angehörigen haben sich bisher noch nicht gemeldet. Vielleicht können wir sie nun mit Ihrer Hilfe verständigen.“ Die Stimme samt weißem Kittel entfernte sich ein paar Schritte und ließ weitere Fragezeichen im Raum stehen.

Sachte griff Mandy nach dem ihr nahestehenden Fragezeichen, umschloss es sanft mit ihrer schwerfälligen kleinen Gips Hand und zog es näher an sich heran. Auf Augenhöhe ließ sie es stehen und bemerkte, welch wunderbare Form es zeigte. Der große Punkt am unteren Ende, sah nach einem Abschluss aus, der sich ihr aber nicht erschloss. Wild begann sie mit den Wimpern zu klimpern, um Bewegung in die sich ihr nicht erschließende Form zu bringen. Da begann sie zu lächeln und schob behutsam das Fragezeichen zurück an seinen Platz. „Nein, es war nicht die Zeit für Fragen.“ Mit diesen Gedanken glitt sie Minuten später zurück in einen erholsamen Schlaf und in ihren Traum. Lediglich das Fragezeichen kam nicht zur Ruhe und begann, wild die Farbe wechselnd zu blinken. Dann wurde es blass und ein mehr als zwei Meter großes I nahm seinen Platz ein. I wie Igitt, wie Irrsinn. Sie zuckte angsterfüllt zusammen und schoss in Windeseile zurück unter die strabbelige Decke. Erst Minuten später, in der Annahme der Spuk wäre vorbei, schob sie sachte ihren Haarschopf wieder hervor. Wie kleine Antennen krabbelten ihre Haare in den Raum und versuchten Sonden gleich, erste Signale aufzufangen. Nichts, Totenstille, nur der sterile Geruch des kalten Raumes kroch ihr unangenehm in die Nase und verführte sie zu einem vorsichtigen ersten Blick in die Wirklichkeit, der seine Wirkung nicht verfehlte. „Inkarnation“ zischte das neugeborene I in ihre Realität. „Ich hätte da mal eine Frage“ vernahm sie gerade noch, als plötzlich Musik einsetze und das wilde, ungestüme I in ein J verwandelte. J wie Jagdfieber, wie Jadegrün, wie Jaguar. „Mein Auto, wo ist mein Auto?“ wollte nun auch noch der Mann im Ohr von ihr wissen. Das war zu viel.

Das J verformte sich langsam weiter und platzierte sich punktgenau vor die nächstbeste frei im Raum stehende Frage. Allerdings stand es nun auf dem Kopf. „Hola ¿Qué tal?“ vernahm Mandy danach und bemerkte sogleich, dass sich ein zweites Fragezeichen am Ende des Satzes hinzugesellt hatte. Wer redete sie denn auf einmal in einer fremden Sprache an?

Mandy stand mitten im Raum und traumlos formulierte sie mühsam eine Antwort. „Wo Fragen sind müssen Antworten her“ ließ ihr Gefühl sie denken. „Gefühle, die denken“, das nun wieder war ihr völlig neu. Elfengleich zog sie schwebend den dekorativen grünen Kittel mühsam über ihren Pobacken zusammen. „B wie bereit“ meldete sich ihr Gefühl erneut. „Bereit?“ „So ein blubbernder Quatsch“ quoll es aus ihr hervor. Das Alphabet begann zu tanzen und brachte doch keinen Takt in die denkenden Gefühle. So kam, was kommen musste. Mandy ergab sich ihrem Gefühl und stellte das aufgedrängte Denken ein. A ffenzirkus, B ärentanz, C hamäleonfarbwechsel, D enkpause…….Schlaf ohne Fragezeichen.

So entkam sie und rannte immer tiefer in ihr Bettchen unter die Decke, in sich hinein. Kein einziger Buchstabe, der sie mehr quälte. „Z wei“ beendete sie die Kette der Buchstabenreihe, bevor nun genau diese Zahl begann, irrwitzige Zahlenreihen zu gebären, die ab und an von einem Zeichen begleitet ihr vorrechneten, wo es hinging. Zuletzt stand sie vor einer Tür, darauf stand „00“. Stimmt, durch diese Tür wollte sie doch schon vor Stunden, verlor sich auch dieser Gedanke, während weitere Nullen sich eifrig dazu gesellten. 0000000000 liefen die eiförmigen Dinger so lange vor ihren Augen umher, bis sie Eier sah. Bio-Eier, sie bekam Hunger. Doch schon verliefen die Eier bis zur Unkenntlichkeit, um kurz darauf in neuer Gestalt zu schwirren.
€€€€€€€, schienen sie sich der Welt zu öffnen, dann sah Mandy nur noch $-Zeichen und diese fingen zu allem Überfluss damit an, Bilder an die gegenüberliegende Wand zu werfen, bis schließlich ein klares Bild entstand.

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„Luigi!“ schrie sie, während sie sich aufsetzte. „Er ist hier.“ „Luigi!“ klang es ein weiteres Mal, bevor sie zurück in ihre Kissen fiel und sich dem Schicksal des Grauens übergab. „Ein Säbelzahntiger, ich habe es gewusst.“ nuschelte sie undeutlich, während ihre Arme erneut unkoordiniert durch die Luft fuhren, um dem Tiger sein Halsband anzulegen. Ein leises *Groarrrrrrrrrrr* stürmte ihr aus dem offen stehenden Maul entgegen, da war der Kampf auch schon vorbei und er geflüchtet.

Luigi stand wie aus dem Nichts hereingetreten an ihrem Bett, seine Hand auf ihrer Stirn, und lächelte. „40° und mehr“ bedeutete er ihren wild zuckenden Augenlidern. Wie auf Samtpfoten lief er zum gegenüberliegenden Fenster und zog den Vorhang beiseite, um erste Sonnenstrahlen herein zu lassen. Diese aber mischten sich unter Mandys Augenlidern zu einem Höllenfeuer und sie begann, mit Armen und Beinen zu fuchteln, löste sich dabei unmerklich von ihrer Decke, und bevor Luigi zurückspringen konnte, platschte sie mit einem lauten Knall, aber einer gekonnten Landung vor seinen Füßen auf den Boden. Zu seinem Erstaunen lächelte sie nun mit offenen Augen von unten herauf, strahlte ihn an und hielt ihm ihr Kopfkissen entgegen. „Ich habe ihn, schau mal.“ wedelte sie mit dem verschwitzten Kissen vor seiner Nase herum. Beherzt griff Luigi nach dem vermeintlichen Säbelzahntiger, schmiss ihn zurück auf das Bett und sich heldenhaft darauf. Schließlich reichte er Mandy die Hand, zog sie herauf und kippte sie zurück auf ihr Krankenlager. „Schau, ich habe ihn gebändigt, nur für Dich Sonnenschein.“ flüsterte er, unter vorgegaukelter strengster Geheimhaltung, in ihr Ohr. „Ich lasse ihn bei Dir, er wird Dich bewachen.“ lachte er leise auf, während er rückwärtsgehend das Zimmer verließ.

Mandys Augen strahlten den Tiger an. Sie warf ihre Lockenmähne auf seinen breiten Rücken, während das Fieber ihr sanft die Augen wieder schloss. „Komm her, Du verrücktes Tier.“ hörte man sie noch murmeln, als die ersten Schnurchelgeräusche zu vernehmen waren und man zusehen konnte, wie sie in einen vielleicht letzten erholsamen, nun traumlosen Schlaf fiel.

In Gedenken an Waltraud.
Auch heute noch mein Dank an sie, nicht nur für diese gemeinsame, herrlich fiktive Reise.

Jim Croce – Time In A Bottle

 

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2 Gedanken zu “Der buchstäblich berechnende Säbelzahntiger

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