Wenige AugenBlicke in der Großstadt

Sie war das Wagnis eingegangen und fuhr mit dem Auto in die Großstadt. Volle Straßen und kein Parkplatz, wie erwartet. Eine Lücke fand sich in letzter Sekunde hinter einem Müllcontainer. Nach wildem Rangieren kam sie zum Stehen. Machte den Motor aus und sah sich um. Eingeschlossen in hohe Häuserwände, die nur noch einem Baum Platz zum Leben ließen, schnappte sie nach Luft. Sie musste tief einatmen, denn das, was sie an Luft kannte, war hier nicht zu finden. Zum Glück musste sie ihr Auto nicht verlassen, da sie nur jemanden abholen wollte. So saß sie da, atmete und sah sich um.

Vor ihr der rote Müllcontainer, es schien der einzige Farbfleck zu sein. Grau erhoben sich zu allen Seiten Häuserwände. Altbauten, umarmt von Neubauten, stellten sich der staubgeschwängerten Umgebung trotzig in den Weg.

Aus dem linken Seitenfenster wurden Kinder gerade aus einer Betreuungsstätte abgeholt und rannten die rote Sandsteintreppe hinab, um kurz darauf  in den Seitengassen zu verschwinden. Viele Herren in schicken Anzügen strömten von einem Gebäude zum anderen ohne sich anzusehen. Hektische Augen und verschwitzte Hemden.

Als sie den Blick zum anderen Seitenfenster wendet, liefen ihre Augen wieder an dem altbekannten Müllcontainer vor ihrer Windschutzscheibe vorbei. Wind war nur hoch oben im Baum zu ahnen, wo er sachte die Wipfel bewegte.

Sie drehte den Kopf nach rechts. Hier standen zwei Frauen und zeigten einem Mädchen wie man Hinkelkästchen spielt. Hinter ihnen ein Schild an einer codegesicherten Türe.„Bitte im Umkreis von 8m nicht rauchen.“ Doch immer wieder schwang die Tür auf, Männer im Anzug oder Frauen im Kostüm traten ins Freie und betraten die Sperrzone. Niemand ging mehr als fünf Schritte, die meisten lehnten sich an die Wand, um schnell an ihrer Zigarette zu ziehen, zückten ihre Codekärtchen, um kurz darauf von einem der größten Gebäude Europas wieder verschluckt zu werden. Sie sprachen nicht miteinander, wenn sie sich trafen, ein gebügeltes Lächeln musste wohl reichen. Alle hatten den Kopf auf den Schultern hochgebunden, entweder mit Schlips oder Tuch.

Sie wollte gerade den Blick abwenden, da schwang die Tür erneut auf. Ein Anzugträger mit grauem Haar und trübem Blick trat ins Freie. Den Knoten seiner Krawatte schief gewickelt, schien sein Hals als könne er den ausmergelten Kopf nur noch gerade so tragen. Er holte seine Zigaretten aus dem Jackett, zündete sich eine an und atmete ein. Beim Ausatmen wand er den Kopf und während der Rauch aus der Nase entwich, sah sie ein echtes Lächeln auf seinem Gesicht. Er hatte das kleine Mädchen entdeckt, ging darauf zu und sprang mit ihm, vielleicht nur eine Zigarettenlänge, durch die kreidefarbenen Hinkelkästchen. Er lachte. Sein einnehmendes freies Lachen sprang bis zu ihr ins Auto.Sie lächelte zurück. Als die Zigarette zu Ende war, zog er sein Kärtchen hervor, zog es durch den Scanner, grinste ein letztes Mal in die Runde und verschwand, so schien es ihr, um Jahre verjüngt hinter der dunklen Pforte.

Sie aber saß im Auto, hatte eben noch an George und das längst vergangene 1984 gedacht und begriff eben in nur wenigen Minuten, dass nichts verloren ist, auch nicht im Jahr 2016, solange sie solche Augenblicke noch erleben durfte.

Ihr Fahrgast war zwischenzeitlich zugestiegen. Im Anzug, mit Krawatte und, man soll es nicht glauben, einem breiten Lächeln im Gesicht. Sie ließ den Motor an, rangierte um den Müllcontainer herum und fuhr los. Die Straßen wurden weiter, doch ein Wunsch kam auf, bevor sie Fahrt aufnahm. „Hoffentlich verliert der junge Mensch auf dem Beifahrersitz niemals sein Lächeln, wenn er schon bald in diese Stadt eintaucht.“

 

 

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6 Gedanken zu “Wenige AugenBlicke in der Großstadt

  1. Selber Stadtkind, dachte ich lange ich könne ohne sie nicht leben. Und heute- schnuppere gelegentlich Großstadtluft mit und zum Vergnügen, froh um die Zuhause, draußen, in der Kleinstadt, noch mehr draußen, oben, auf dem garnicht flachen Land.

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