Treppenstufen in den Himmel führen vorbei am Kleiderschrank

Sie hatte in ihren jungen Jahren schon einiges gesehen und erlebt. Gerade mal 8 Jahre alt schien sich ihre kleine Welt zu spiegeln, wo auch immer sie entlang ging. Die Welt hatte ihren Zauber nicht verloren, so sah sie noch gerne hinter die Spiegel und besuchte dort Welten, die anderen verschlossen schienen. So zumindest erschien es ihr zu dieser Zeit. Sie lebte in einem großen weißen Haus mit knallroten Fenstern. Oft warf sie sich mit der Schulter gegen das Gartentor, das sich widerspenstig in den Weg stellte, wenn sie nach der Schule nach Hause kam. Unter den alten Korkenzieherweiden schritt sie durch das vielschichtige Grün bis zur Haustür oder rannte direkt durch den Garten hindurch, ums Haus herum, die schwere, aus Steinen gelegte Treppe hinauf zur Terrasse mit der weinbewachsenen Pergola. Wenn es die Zeit war, griff sie ein paar Trauben und steckte sie zufrieden in den Mund, bevor sie mit ihren kleinen Fäusten an die Terrassentür hämmerte und das Haus in Leben versetzte.

Drei Generationen huschten an manchen Tagen herbei. Oft aber war es ihre Urgroßmutter, die öffnete, um sie zu begrüßen. Es war noch nicht lange her, da haben vier Generationen beschlossen, hier in genau diesem selbstgebauten Haus mit den roten Fenstern ab jetzt gemeinsam zu leben. So wurde das neue Heim schnell in all seinen Etagen eingelebt.

Im Souterrain die Yogaschule und die Massagepraxis, im Zwischenstock zogen die Eltern mit ihr und dem Hund ein und fast ganz oben lebten ab jetzt die Urgroßmutter, die Großmutter und die Katze. Ganz oben aber, da fand alles einen Platz, was in keine der Etagen passen wollte. Alles sortierte sich und sie gewöhnte sich an ihr neues Zimmer.
Viel zu groß schien es ihr und die vertrauten Ecken des alten kleinen Zimmers fehlten ihr noch immer. Die Geborgenheit aber, die stattdessen mit einzog, ließ sie diese Kleinigkeit schnell vergessen.

Wie so viele Tage zuvor, empfing sie auch an diesem Mittag die Urgroßmutter mit den vertrauten Worten: „Mein Hemmele“. Nahm sie in den Arm und ließ sie raten, welche Speise wohl heute auf den Tisch kommen würde. Es war meist nicht schwer, denn oft wurde sie am Vortag gefragt, was sie denn gerne essen mag. Und das Repertoire der Möglichkeiten war groß. Nur die geliebten Dampfknöpfe mit Vanillesoße, die hatten kein Datum. Sie kamen manchmal eben einfach so auf den Tisch und entlockten dem kleinen Wesen jedes Mal Freudenschreie.

Wer aber war sie? Sie war nicht klein für ihr Alter, trug dichtes schwarzes Haar, das mit den Jahren immer länger wurde und blickte naturgegeben mit ernsten Augen in die Welt, die ihr noch so viele Rätsel aufgab. Sie konnte sich in dem Wunder einer Raupe verlieren, saß lange still, wenn sie etwas genauer betrachten wollte. Sie liebte es, sich in selbsterdachten Welten zu verlieren, und gerne versuchte sie ihren besten Freund dazu zu bewegen, sich mit ihr dorthin zu bewegen. „Brumm, brumm, quietsch, hup hup“, bekam sie meist zur Antwort. Denn er, ihr engster Vertrauter, bewegte sich, egal wohin, zu dieser Zeit zumeist noch im selbsterdachten Auto im Kopf. So ging sie, gerade acht Jahre alt, durch die Tage. Erlebte Schönes, weniger Schönes und manches, das Sie lieber nicht erlebt hätte. Ihre Urgroßmutter aber war für sie das Schutzschild, dass sie mutig immer weiter stapfen ließ. Selbst hatte diese schon so viel erleben müssen. Sie wusste um das Schutzmäntelchen, das jede Seele einmal braucht. So bewahrte sie dem kleinen schwarzen Haarschopf die Welten, die dem Mensch den erhoben Kopf auf den Schultern immer wieder schenken.

Emilie, die Urgroßmutter, hatte ihren ersten Mann bereits im 1. Weltkrieg verloren und sich seitdem mit Flucht, der Sorge um ihre Familie von Land zu Land bewegt und ist viele Male umgezogen. Zuletzt ist sie mit ihrer Familie, die damals aus ihrer Tochter und zwei Enkelkindern, einer Tochter und einem Sohn bestand, mit der Hilfe von Verwandten in dieser Großstadt angekommen. Dort lebte sie mit ihrer Tochter im Westend. Bis eben die verbliebenen vier Generationen beschlossen, gemeinsam das Haus mit den roten Fenstern zu beziehen.
Emilie, liebevoll Ömchen genannt, war evangelisch, ging aber nur selten zur Kirche. „Mit Gott kann ich überall sprechen“ hörte der schwarze Schopf sie gerne einmal sagen. Sie hatte damals aus der Not heraus einen Schokoladenladen eröffnet, in Zeiten als Frau noch nicht selbstständig war. Sie arbeitete auch bei der Post und versuchte eben alles, um ihre Familie über Wasser zu halten, bis ihre Tochter diese Aufgabe eines Tages übernahm. Sie lebten nach allen Schicksalsschlägen ohne Männer. Eben Generationen starker Frauen. Seit diesem Tage war sie immer für ihre Tochter, die beiden Enkel und jetzt auch für die Urenkelin da. Sie hielt die Generationsfäden in der Hand. Nie hatte das kleine Mädchen sie verbittert gesehen. Immer hielt sie den Horizont weit und die kleinen und großen Herzen warm. Gerne auch mit Grießbrei und Graupensuppe, mit denen sie eben auch den kleinen Schwarzschopf schon in frühesten Kindheitstagen fütterte.

So lebten sie hier hinter den roten Fenstern, als das kleine Mädchen wieder einmal an die Terrassentür klopfte. Hund und Katze überholten wie meist die alte Frau, die mit ihren 86 Jahren mittlerweile am Stock ging. Ja, das kleine Mädchen kam gerne nach Hause zu dieser Zeit. Und während das Kind ihr in den Arm fiel, den Ranzen in die Ecke warf und hoch unters Dach stürmte, waberte der Duft der geliebten Dampfknöpfe durchs Haus.
Am Tisch angekommen, erzählte das Mädchen von ihrem Tag und füllte mit ihren Worten die offenen Ohren der Urgroßmutter. Die Dampfknöpfe fanden ihren Weg und zufrieden saßen die beiden zusammen. „Na Hemmele, was darf es denn morgen zu essen sein? Ich weiß, mit den Dampfknöpfen kann‘s nicht mithalten.“ Lachend hielt sie die beiden in Falten geworfenen Hände über dem Bauch gefaltet und sah liebevoll das kleine Wesen an. „Fischstäbchen mit Bratkartoffeln und Gurkensalat, das würde ich schon auch gerne mal wieder essen.“ Das kleine Wesen schmunzelte ihre Urgroßmutter freudig an. So war es festgehalten und zufrieden nahm das Mädchen die Uroma in den Arm und entschwand zu ihren Hausaufgaben und zum Klavierspiel. Am Abend saßen dann alle zusammen, drei Frauen tischten auf und der Vater des kleinen Mädchens, thronte als Hahn im Korb inmitten des Geschehens und kredenzte die gewünschten Getränke. Danach wurde noch Malefiz gespielt und dann verschwanden alle unterm Dach und vier Generationen sahen gemeinsam die Nachrichten und ein wenig 1., 2. oder 3. Programm.

In Ermangelung von Platz, thronte das Mädchen auf ihrem Yak. Ein riesiges Wesen bestehend aus vielen Wollfäden. Gerne ritt sie mit ihm noch eine Runde in den ausklingenden Abend, der altersbedingt für sie immer zuerst zu Ende war.
Einen Kuss für jeden und schon entschwand sie in ihr Bett eine Etage tiefer, die vertrauten Geräusche noch im Ohr, als ihr die Augen auch schon zufielen.

Sie träumte wild in dieser Nacht, so dass der anbrechende Tag sie nur müde anblinzelte. So trottete sie ins Bad und zum Frühstück und da fielen ihr die Fischstäbchen ein und schon wurde der Tag schneller. „Hup hup quietsch“, begrüßte sie ihr Freund am Gartenzaun und schon verschwanden die beiden mit ihren Rädern im Nebel des Morgens.

Irgendwie war sie unruhig heute in der Schule, legte wirre Muster aus den Plättchen des Geometrie- Kastens. Formte Fischstäbchen und bekam Hunger. Nach der Schule schwangen sie sich wieder auf die Räder und rasten mit Karacho über die kleine Brücke zurück nach Hause. „Hup hup. Adeeeeeeeee“, klang es in ihr Ohr als sie mit dem Fahrrad an der Hand versuchte, dem heimtückischen Gartentor eine geeignete Öffnung abzukämpfen. Fahrrad in den Ständer und ab zur Haustür dieses Mal, denn das ging schneller.

Sie klingelte Sturm, doch als die Tür sich öffnete stand da ihre Mutter eine halbe Treppe höher. „Keine Fischstäbchen ging es dem Schwarzschopf durch den Kopf.“ „Schatz, das Essen muss noch warten, der Uroma ist aufgefallen, dass sie keine Fischstäbchen da hat und da Du sie Dir gewünscht hast, ist sie eben noch mal los.“Beruhigt lief sie die Treppe hinauf, begrüßte ihre Mutter und verschwand in ihrem Zimmer.
„Nur für mich ist sie extra noch mal los“ ging es ihr durch den Kopf, als es erneut klingelte. Sie schoss los und öffnete ihrer Urgroßmutter die Tür, ging ihr entgegen und strahlte sie an. „Danke, dass Du nur für mich noch mal los bist. Soll ich Dir was abnehmen?“ „Nicht doch Hemmele, die paar Fische kann ich gerade noch tragen. Ich ruf Dich, sobald sie in der Pfanne sind.“ Mit diesen Worten nahm sie die kleine Tasche und begann den Aufstieg zum Herd.
Das Mädchen schloss die Tür zum Treppenhaus und hüpfte vorfreudig von einem Fuß auf den anderen abwartend, wann die Stimme von oben zu hören wäre. Ihre Mutter ging mit einem kopfschüttelnden Lächeln an ihr vorbei ins Wohnzimmer und dann passierte es.

Eine Stimme, aber sie rief nicht nach ihr. Ein Schrei und dann hörte das Mädchen Gepolter, dumpfe Schläge und dann Stille. Sie rannte zur Tür, riss sie auf und trat ins Treppenhaus. Vor ihren Füßen lag die Urgroßmutter mit geschlossenen Augen, überall war Blut. Blut auch an den weißen Rauputzwänden, die ihren Weg begleitet hatten.
Plötzlich riss man an den Schultern des kleinen Mädchens, eine Hand hielt die Augen zu, die andere zog sie in die Wohnung. Schubste sie in ihr Zimmer und schloss die Tür. „Bleib da drin bitte“, hörte sie die flehende Stimme ihrer Mutter durch die Tür.

Da stand sie, hörte die Panik in den Stimmen ihrer Mutter und ihrer Oma vor der Tür. Sie drückte das Ohr fester an die Tür, wollte hinaus, aber sie sollte ja nicht. So lauschte sie angestrengt, während die eben gesehenen Bilder ihr durch den Kopf rasten. Das Herz schlug wild und sie wusste nicht was es war, aber plötzlich hatte sie Fischstäbchen vor Augen und ihr wurde schlecht. Dann Stille, lauschende Stille, unruhige Stille. Einfach zu still für all die rasenden Gedanken. Blaulicht erschien geräuschvoll in der kleinen Straße. Lichtgewitter, tosende Geräuschkulisse. Das Mädchen stand wie festgenagelt inmitten des Zimmers. Ärzte rannten von ihrer Mutter herbeigewunken ins Haus. Nachbarfenster öffneten sich. Im Haus Stimmen. Die Tür ging auf. Die Mutter des Mädchens sah herein mit verweinten Augen. „Alles wird gut, Schatz. Bitte bleib einfach in Deinem Zimmer.“ Die Tür ging zu.

Da stand sie, wieder allein. Schaute mit großen fragenden Augen und wollte nur eins, ihre Großmutter in den Arm nehmen. Einfach in ihrem Schutz verschwinden.

Es war ein neues unbekanntes Geräusch was Minuten später die Ruhe durchschnitt, lauter und lauter wurde. Das Mädchen ging wie ferngesteuert auf den Balkon ihres Zimmers, der zur Straße lag. Das Geräusch blähte sich auf und wie aus dem Nichts kam Wind auf. Die Korkenzieherweide vor ihrem Fenster warf tanzend Blätter ab und Äste brachen.
Es wurde unerträglich laut und dann setzte wie aus dem Nichts ein Hubschrauber vor dem Balkon zur Landung an. Dann ging alles sehr schnell. Türen schlugen, das Gartentor ächzte und heraus wurde, auf einer Trage, ihre Urgroßmutter gefahren. Man verlud sie in den Hubschrauber und Sekunden später ging erneut ein Sturm durch die Bäume und der Hubschrauber verschwand in den Wolken.

Die Mutter des Mädchens kam ins Zimmer, nahm sie in den Arm und weinte. „Deine Urgroßmutter ist schwer gestürzt, sie wird jetzt ins Krankenhaus geflogen. Deine Oma fährt hinterher. Wir können nur beten, es sieht nicht gut aus.

Langsam ging das Mädchen aus dem Zimmer, ihrer Mutter hinterher. Bog ab und trat in das leere Treppenhaus. Ihre Urgroßmutter war weg. Die Tasche mit den Fischstäbchen lag noch auf dem oberen Treppenrand. Wie im Traum griff die kleine Hand an die raue Wand und strich über eine der Blutspuren. Da kamen die Arme wieder, zogen Sie in die Wohnung und schlossen die Tür erneut. Lange saß sie mit ihrer Mutter im Wohnzimmer und wartete auf einen Anruf. Als er kam hörte das Mädchen nur Schädelbasisbruch, Koma und es sieht nicht gut aus.

Als die Oma kam, fuhr die Mutter in die Klinik, sie selbst aber durfte nicht mit. Sie war noch zu klein und durfte nicht mit hinein. Sie wollte doch nur ihre Urgroßmutter in den Arm nehmen und ihr sagen, wie unendlich leid es ihr tat, dass sie sich ausgerechnet an diesem Tag Fischstäbchen gewünscht hatte. So vergingen die Wochen zäh wie Kaugummi, noch immer lag das „Ömchen“ im Koma. Im Haus wurde es sehr still und das Mädchen nahm sich vor, niemals im Leben würde sie mehr Fischstäbchen essen, wenn nur die Urgroßmutter wieder nach Hause kommen würde. Doch sie kam nicht. Nach sechs Wochen im Koma starb sie und nicht einmal zur Beerdigung durfte das Mädchen mitgehen. So war es damals, man wollte sie doch nur schützen.

Doch der kleine Schwarzschopf hatte seine Angst und seine Schuld bereits bei der Urgroßmutter gelassen. In all den Wochen hatte sie die Nähe des Ömchens gespürt. Und in der Nacht ihres Todes hatte das kleine Mädchen aussprechen können, was sie all die Wochen mit sich trug. Sie erwachte in der Nacht zur Todeszeit, schlug die Augen auf. Die Schranktür war geöffnet und davor stand ihr Ömchen. Sie stand da in der vertrauten Kittelschürze, unverletzt und lächelte das kleine Mädchen an. Der kleine Schwarzschopf spürte keine Angst und setzte sich im Bett auf. Sah seine Urgroßmutter an und erzählte ihr von all ihren Sorgen und vom Vermissen und von dem Gefühl der Schuld. Lange stand die Urgroßmutter noch an ihrem Bettchen, hörte zu und lächelte.
Das kleine Mädchen spürte, wie sich der liebgewordene Schutzmantel sacht um ihre Schultern legte und war dankbar, dass die Urgroßmutter ihren Weg zu ihr gefunden hatte und Abschied nahm. Als sie ging, lächelte das Mädchen und winkte ihr mit Tränen in den Augen nach. Doch wann immer sie in den nächsten Jahren alleine die Wohnung, in der die Urgroßmutter gelebt hatte, betrat, spürte sie die Nähe.

Die Geschichte hat sie nur wenigen Menschen erzählt. Denn Menschen verstehen manchmal nicht.

Als ich dem Mädchen viele Jahre später begegnet bin, hat sie mir die Geschichte erzählt und man spürte, wie dankbar sie für das Erlebte war. Und ja, heute isst sie auch mal ein Fischstäbchen und denkt an die wunderbare Zeit, die ihr mit ihrer Urgroßmutter vom Leben geschenkt wurde.

Nur das mit den Dampfknöpfen geht ihr nicht aus dem Kopf, denn niemand hatte ihr das Rezept geben können. Sie aber versucht immer mal wieder, welche zu machen, bis vielleicht eines Tages eines der Rezepte ihr den Geschmack und die Erinnerung wieder bringt.

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15 Gedanken zu “Treppenstufen in den Himmel führen vorbei am Kleiderschrank

  1. „Saudade“ …

    Deine Geschichte übersetzt dieses portugiesisches Wort endlich auch einmal in die Deutsche Sprache. Und nicht allein nur das: die Erzählung schafft es, der schmerzhaften Erinnerung ihre Wehmut zu nehmen und (vermeintliches) Schuldgefühl durch Trost und Zuversicht zu ersetzen. So meine Gedanken beim Lesen. Für mich: Prosa pur!

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