Die kleine Hawaii-Palme

Irgendwo, als grau in grau die Tage sich verzogen, lebte im 22. Stock, auf einem breiten Fenstersims, eine kleine Hawaii-Palme. Kritisch neigten sich ihre trockenen Blätter zur Welt. Sie war einsam.
Eben erst, so schien es ihr, war der runzelige Arm an der Gießkanne aus dem Leben gegangen. Sie hatte gesehen, wie Männer mit einer großen Holzkiste kamen und den Arm samt geliebten Mensch forttrugen.

Als die Haustür wieder aufging, stürmten Männer mit Kisten und Kasten und Säcken herein. Einer wischte mit seinem schweren Arm Papiere vom Esstisch. Solche, die einst sorgsam mit der Hand des runzeligen Armes beschrieben wurden, liefen nun in Sekunden durch den mitgebrachten Schredder. Was blieb war ein leerer Block am Rand des Tischs.
Ein anderer Arm mit schmuddeligem Hemdsärmel pflügte durch die Bücherregale, versenkte auch dort Worte und Gedanken in einen großen Container. Nur das warme Kirschholz des Regals spiegelte die letzten Buchrücken zum Abschied. Ein dünnes weißes Ärmchen legte derweil Hand an die vorletzte Überlebende im Raum, steckte sie in eine große Box und transportierte das verstörte Bündel ab.

Lange Stille, unterbrochen vom Geräusch eines fallenden Blatts.
Als die Tür wieder aufschwang, rannten Arme in blauer Arbeiterkluft in das kleine Zimmer, Küche und Bad. Letzte Habseligkeiten wurden in Tüten gesteckt. Kleider aus besseren Tagen verließen ein letztes Mal ihren Schrank. Eine große Pranke mit schmuddeligen Nägeln griff in die Schmuckschatulle mit den wunderschönen Intarsien, zog lieblos die letzten Schmuckstücke, Medallion und Ehering, heraus und stopfte sie in einen Beutel. Die Schatulle selbst zerbarst nach dem Wurf in den Container. Erste putzkittelbekleidete Arme gesellten sich in zweiter Reihe hinzu. Der alte sonnenverblichene Gobelin mit den Hasen, die der runzelige Arm schon in Kindertagen voller Freude immer wieder gezählt hat, wurde mit den Worten „Ab mit dem alten Teppich in den Container“ ein letztes Mal berührt. Als die Bilder von den Wänden genommen wurden, zu denen der runzelige Arm so viel hätte erzählen können, wurde es noch stiller im 22. Stock. Geschoben von den blau beärmelten, rutschte nach dem Klavier, dem Sofatisch und dem Sofa auch das alte gußeiserne Bett mit den Bettpfosten zur Haustür hinaus. Es folgten Beistelltische, die 6-flammige Girandole, das gute Geschirr aus besseren Tagen, gefolgt vom schweigenden Teekesselchen. Zuletzt spazierten Gläser und Tassen Hand in Hand mit Messern, Gabeln und Löffeln gefolgt vom rostigen Teeei, ihrem Lieblingsparfum und der alten Zahnbürste zur Tür hinaus. Nun sah die kleiner Palme nur noch wischende und schrubbende Arme, bevor der letzte Arm die Tür ins Schloss zog.

Nur die kleine Hawaii-Palme hatte man übersehen. So stand sie da, warf kraftlos ihre letzten Blätter ab und sah sich um. Die unüberhörbare Stille nahm sie ein. Die Wände mit den blumigen Stofftapeten sahen sie drohend mit großen, grauen Staubrandaugen an, überall dort wo eben noch  Bilder vom Leben erzählten. Die trostlose Stille fraß sich in die kleine Palme, drang bis an die Wurzeln. So dachte sie ein letztes Mal an Pisa, wo sie einst das Licht der Welt erblickte, und ließ los. Ihre Wurzeln lösten sich und ihr kleiner Stamm neigte sich gespiegelt im frisch gebohnerten Parkett ein letztes Mal der Sonne zu.

Lange noch lag ihr runzeliger Stamm auf der Fensterbank. Der letzte seiner Art.

Hawai Palme 3

 

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13 Gedanken zu “Die kleine Hawaii-Palme

  1. Ein schön-trauriger Text passend zum heutigen Volkstrauertag, liebe San. Mir gefällt besonders, dass die Palme in deinem Text sehen kann. Dass die lichtempfindlichen Blätter einer Pflanze ihre Augen sind, ist eine Vorstellung, die ich schon lange hege. Zu meiner Zimmerpalme Josie habe ich ein enges, zuweilen symbiotisches Verhältnis. Wenn ich sie leicht bberühre und mit ihr rede, werden meine Texte schöner. Der Gedanke, sie stünde noch hier, während meine Wohnung aufgelöst wird, ist mir nicht angenehm.
    Lieben Gruß und schönen Abend,
    Jules

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    • Lieber Jules,

      Ich freue mich, dass Du ihre Worte gelesen hast und sie mit Dir sprechen. Die schönste Symbiose die mich sehr berührt hat, war die einer sich wild aus gepflanzten Tomatenpflanze im Topf einer meiner Palmen. Obwohl oft nur einjährig, wurde diese Tomate 3 Jahre alt. Ich glaube ja, die beiden waren verliebt. Als die Tomate ihr Leben ausgehaucht hat, wollte die Palme auch nicht mehr und hat ihre Lebensgeister erst nach gutem Zusprechen wieder entdeckt. Sie lebt noch heute bei mir. Den beiden habe ich sehr gerne zugesehen. Sie teilten im wahrsten Sinne des Wortes Licht, Erde und Wasser. Und dabei hielten sie sich in den Armen. Ich habe so viele Pflanzen, die kann man nicht einfach übersehen wenn man bei mir einmal ausräumen sollte. Und die Menschen die mich umgeben, würden ihnen wohl zur Seite stehen. Der Gedanke das immer noch viel zu viele Menschen einsam sterben bewegt mich. Wer anders als eine Pflanze könnte uns davon erzählen..

      Herzliche Abendgrüße
      San

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  2. Liebende San

    Ein erschütterndes Psychogramm derer die das Ding an sich über das Wesen der Dinge stellen
    Deren vegetatives Nervensystem so abgestumpft ist das sie das Leben außerhalb ihrer
    selbst nicht erleben
    Totheit eines Mitgefühles
    Dabei ist es die Pflanze die uns atmen läßt
    Leben schenkt
    Reinigt
    Erfreut
    Und Leben blüht
    Der baum des Lebens verkümmert
    Weil die Früchte des anderen von „Gut & Böse“ doch eher gelderträglich sind
    „Wenn ihrs nicht fühlt so könnt ihrs nicht erjagen.“
    Bald werden die Steine reden und die vergessenen Zimmerpflanzen schreien
    Am Tage da die Lebend Toten erwachen in der Hitze der Zeit…
    Tröstlich sei erinnert in der „BRD“ ist das Grundgesetz dahin geändert das Tiere keine
    Sache mehr sind sondern als Wesen betrachtet werden..
    Ein Schimmer der Morgenröte in tiefer dunkler Nacht

    danke
    Dir Joachim von Herzen

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    • Ich danke Dir, dass Du Deine Gedanken herträgst. Und ich freue mich, dass es Menschen gibt, die gerne auch einmal einer kleinen Palme lauschen. Auch wenn sie an diesem Tage dem Tod alleine entgegen tritt und was sie zuvor sieht und erzählen kann, nicht gerade Mut macht.

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      • Liebende San

        Du hast der kleinen Palme ja ein unvergängliches zu Hause in unseren Seelen gesetzt
        Und die Fühllosen bedürfen der schneckengleichen Langsamkeit auch über den Tod hinaus
        Dort wird Sie einst die empfangen welche sie übersahen und dem Verdursten preißgaben
        In sich jene Pein so als würden sie selber vor Durst vergehen verspürend
        Die Schule des Lebens kennt viele Klassen
        Und wie ich selbst muß manch einer sitzengeblieben nochmals erlernen
        was liebendes Leben zu allem hin wahrlich ist…
        Das schenkt Mut in Geduld
        Sei zuversichtlich
        Im Scheitern lernt der Wanderer das Gehen

        Danke
        Dir Joachimsherz

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  3. Für mich eine Mahnung, mehr für mein staatlich garantiertes Megabyte Ewigkeit zu kämpfen. Obwohl die Netzgemeinde private Anbieter von Onlinefriedhöfen regelmäßig am ausgestreckten Arm verhungern lässt, obwohl meine Onlinepetition nicht einen Unterzeichner fand.
    Vielleicht stelle ich mir das in der behaupteten Mitte meines Lebens auch verzweifelter vor, als es am Ende ist. Vielleicht winke ich am Ende selber ab, dass das alles weg kann…
    Trotzdem, wenn der Staat mitten in unseren Städten abertausende Gebeine behüten kann, warum sollte dann nicht auch irgendwo Platz sein für Gedanken und Erinnerungen?

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    • Ich hätte fast angenommen da würde es bereits Angebote geben. Für mich sollte jeder das handhaben dürfen wie er mag. Allerdings trauere ich auch nicht an Gräbern. Hier nehme ich Abschied und meine Verbindung halte ich eben über Gedanken und Erinnerungen. Warum nicht auch an einem Ort wo bekannte und nicht persönlich Bekannte, anstatt sterbender Blumensträußen lieber ein paar meiner Stilblüten zusammentragen.
      Danke Dir für die geistige Anregung.

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