Italienische Herzenswärme

Schon die Zugfahrt in die Toskana glich einem Abenteuer, das mich später begreifen ließ, ich bin in Italien angekommen. Ich sehe mich noch am Frankfurter Hauptbahnhof stehend, nein, eher schon rennender Weise durchhechtend. Viel zu viel Gepäck, eindeutig die falschen Schuhe und keine Ahnung, wo sich nun eigentlich mein Zug befand. Während ich mich suchend umblickte und endlich das rettende Schild mich anstrahlte, beschloss einer meiner Koffer, sich Luft zu verschaffen und klappte einfach mal so auf, während er meine Kleider frei gab und sie auf den Bahnsteig spuckte. Hektisch klaubte ich zusammen, was mir zu gehören schien, stopfte es zurück in sein Behältnis und klappte dem Widerspenstigen wortlos seine große Klappe wieder zu. In letzter Sekunde erreichte ich den rettenden Bahnsteig, der mir, gerade mal 17 Jahre alt, endlich das Stück Freiheit schenken sollte, das ich mir so sehr wünschte.

Die Abfahrt des Zuges in greifbarer Nähe, entzog mir die Suche noch minutenlang den passenden Waggon. Als ich endlich den ersehnten Einstieg erblickte, blockierten mich viele ermahnende Augen, die mir signalisierten: Hier sind wir und Du bleib doch einfach, wo Du bist. „Na Danke auch“, murmelte ich in mich hinein und versuchte meine Koffer die eiserne Stiege hinauf zu wuchten, ohne zu wissen, ob ich dann auch mitfahren dürfte. Schweiß rann über meine Stirn und die Koffer entglitten immer wieder meinen Händen. Niemand da, der auch nur im Ansatz versuchte, Platz zu schaffen oder gar zuzugreifen. Während ich noch kämpfte und darüber nachdachte, was diese Menschen so kalt machte, kämpfte sich von der Gegenseite eine mir vertraute Person zu mir durch. „Spring rein, wir warten schon auf Dich,“ hörte ich, als sich meine Koffer wie von Zauberhand einen Weg bahnten und das passende Abteil ansteuerten. Hier erwarteten mich schon die Menschen, die mit mir den brasilianischen Samba nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien tanzen wollten. Erschöpft fiel ich auf meinen Sitz, während meine Koffer sich ein Plätzchen suchten und der Zug das kalte Deutschland hinter sich ließ.

Stunden später, als wir Italien erreichten, mussten wir umsteigen, um unseren Zug zum Zielbahnhof zu erreichen. Ich bereitete mich auf das Schlimmste vor, auch wenn ich, intelligent wie ich war, mittlerweile meine Turnschuhe an den Füßen hatte. 10 Minuten blieben uns, den Anschlusszug zu finden und zu besteigen. Ängstlich gab ich meinen Koffern den Vortritt, um ihnen dann mutig hinterher zu springen. Doch irgendwas hatte sich verändert.

Um mich herum lächelnde Gesichter, die ersten Sonnenstrahlen erreichten mich und, man soll es nicht glauben, hilfreiche Hände fanden sich. Im ersten Moment war ich, ob so viel Hilfsbereitschaft völlig verstört. Wollte man mich vielleicht um mein Gepäck erleichtern? Ich beschloss einfach, dem Frieden zu trauen, und mich einzulassen auf das Wunder italienischer Herzenswärme. So liefen meine Koffer an fremder Hand vor mir her, wurden sanft in den nächsten Zug gehoben und nicht einmal der ‚Widerspenstige‘ wagte es, sein Kunststück vom Beginn der Reise zu wiederholen. Man schenkte mir ein Lächeln und wünschte mir eine gute Weiterreise, denn die eigene war wohl hier zu Ende. Ich lächelte noch immer wie ein vergeistigter Engel, oder manch einer würde sagen: „Einfach irre“, da machten sich meine Koffer schon an der nächsten Hand auf den Weg ins Abteil, fanden einen Platz im Gewühl überfüllter italienischer Gepäckstücke und während zusammengerückt wurde, damit ich auch sitzen konnte, reichte sich mir wie von alleine schon ein Brot, erneut garniert mit einem Lächeln.

Ab durch die Wand

Bis heute hat mich der Gedanke daran immer wieder begleitet.
Oft bin ich dieser Herzenswärme in meinem Leben noch begegnet. An dem Tag als ich sie erkannte, hat sie sich mir zu erkennen gegeben. In ihr schlägt ein internationales Herz und man findet sie überall auf der Welt, inmitten all der Menschen, die mutig genug sind, einander wirklich zu begegnen. Und sei es mit dem Herz durch die Wand.

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9 Gedanken zu “Italienische Herzenswärme

  1. Ein sehr schöner Text! Klingt ein wenig nach der alten „Weisheit“: woanders ist es immer besser…
    Wobei die Herzenswärme immer auch bei uns selber beginnt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Du angesichts des beschriebenen Stresses am Bahnhof in Frankfurt auch nicht gerade viel Herzenswärme für Deine Umgebung ausgestrahlt hast. 😉

    Gefällt 1 Person

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