Frau trägt Schildkröte

Schildkröte

„Schatz, am Wochenende fahren wir zu Onkel Paul.“ Klare Worte meiner Mutter, die mir aber schlichtweg nichts sagten. „Onkel Paul?“ sah ich sie fragend an. Schon folgte eine lange Erklärung, die mir die Zusammenhänge in unserer kleinen Familie näher bringen sollte. Heute habe ich schon wieder vergessen, wie genau wir in der Linie unserer verstreuten Familie zusammengehörten. Aber spannend klang es allemal in meinen Ohren. Der Sage nach trank Onkel Paul immerhin jeden Morgen ein rohes Gänse-Ei und er hatte die ganze Welt bereist. Was also konnte mich, mit meinen damals 7 Jahren, schon erwarten, als viele wundervolle Geschichten?

Er lebte mit seiner Frau auf einem alten Hof, an dem sich an diesem Wochenende all die Menschen versammeln sollten, die sich eigentlich nicht wirklich kannten. Es herrschte eine angespannte Vorfreude im Auto. Mein Vater freute sich ausschließlich auf Onkel Paul, der wirklich so heißt, wie ich feststellen durfte. Der Rest der Familie fand nicht wirklich eine Erwähnung oder ich habe es ignoriert.

So holperten wir über das Kopfsteinpflaster des Hofes bis unter einen Torbogen. Von hier führte rechts eine Tür ins Wohnhaus, auf der anderen Seite ging es zu Scheune und Stall. Onkel Paul war schon damals alt, eher schon steinalt. Als er aus der Tür trat, fiel mir ein kleiner blauer Fleck auf der Lippe ins Auge, der sich so eingebrannt hat, dass ich bis heute sein Gesicht vor mir sehe. Alles wuselte in der kleinen Wohnstube herum, so dass wir kaum hinein kamen. Kinder in meinem Alter, die damals schon Instrumente spielend, die Erwachsenen unterhielten. Es gab aber kein Klavier, so blieb ich meinen Gastauftritt schuldig. Ohnehin hatte ich nur Augen für den Onkel, der schmal und sehnig, mit dem Schalk mehr als nur im Nacken auf der Bank inmitten der Meute thronte. Und tatsächlich Geschichten erzählte, bei denen selbst Pippi Langstrumpf große Augen gemacht hätte. Als es ruhiger wurde, trat er neben mich. „Na Du Dreikäsehoch“, waren seine Worte für mich. Ich sah auf und strahlte, weil er mich wahrgenommen hatte. Ein echter Abenteurer und ich, ja ich, war mit ihm verwandt. „Sag mal Du Würmchen, magst Du Hühner und Gänse?“ Klar mochte ich. Oder? Bisher hatte ich diese fiedrigen Zeitgenossen doch nur hinter Gittern und Gattern erlebt und da fand ich sie zumindest lustig. „Wir sind dann mal weg“, teilte er meiner blass werdenden Mutter mit, deren Gesicht sofort ein deutliches „NEEEEEEEEEEIN“ signalisierte. Was das Önkelchen mit einem dröhnenden Lachen quittierte, mich unter den Arm klemmte und hinaus spazierte.

Ich war so verdutzt, dass ich wie schockgefrostet unter seinen langen Armen hing. Nur Hirn und Herz klopften Vorfreude. Im Augenwinkel nahm ich gerade noch wahr, wie meine Mutter mit Blicken versuchte, meinen Vater zu bewegen, mitzugehen. Der grinste breit und erhob sich nicht. Das machte mich mutig, denn schließlich war mein Papa auch ein echter Abenteurer. Das Nächste, an das ich mich erinnern kann, ist, wie mich Onkel Paul direkt über das Holzgatter schwang und inmitten von Gänsen und Hühnern abstellte. Sekunden später stand er neben mir und drückte mir lächelnd Gertrude, seine Lieblingsgans in den Arm. Das Geschehen rauschte an mir vorbei, während mein Gehirn nur noch einließ, was da auf es einströmte. Während die schwere Gertrude also auf meinem Arm thronte, erklärte er mir, wie man mit diesen wunderbaren Tieren umzugehen hat und ganz wichtig, dass man jeden Morgen ein rohes Gänse-Ei trinken sollte, wenn man so alt werden wollte wie er. Was er gleich darauf mit einer persönlichen Demonstration untermalte. Loch Oben rein, Loch unten rein und weg damit. Soweit hatte ich mir das gemerkt. „Na schön, Du Gänsedompteuse. Wer meine Tiere mag, für den habe ich auch ein Geschenk“ lachte er in mein Ohr. „Aber zuerst noch die Mutprobe“, setze er mit vor Freude sprühenden Augen hinterher. „Hier Kleine, Dein Gänse-Ei. Und ich verspreche Dir, es lohnt sich!“ Mit diesen Worten rammte er oben und unten ein Loch hinein und hielt es mir hin. Gertrude segelte vor Schreck von meinem Arm und nahm Reißaus. Ich aber raffte die Schultern zusammen, und nahm das Ei mit einer Mischung aus Panik, Ekel und Stolz in die Hand. „Na dann runter damit, Du kleine Heldin“ waren seine Worte. Vorsichtig kippte ich das Ei. Und das ausgerechnet mir, die nicht einmal ein Rührei aß, wenn es auch nur noch ein klitzekleines bisschen schwabbelte. „Ich bin eine Heldin, tobte es durch meinen Schädel“ als die glibberige Masse sich in meinem Mund breit machte. Ich schluckte und dachte nur an das, was mich danach erwarten würde. Da war es vollbracht. Mir war schlecht, aber ich strahlte glücklich den alten Helden an. „Herrgöttle, Du hast aber Mumm.“ Im Geiste sah ich mich schon mit ihm auf einer Safari, mit einem Tropenhelm auf dem Kopf und den Armen stolz in die Hüften gestemmt, zum Zeichen meines unbändigen Mutes.

Da winkte er mich hinter sich her, durch den Stall hindurch, über eine Leiter unter das Scheunendach. „Vorwärts da unten!“ Das musste man mir nicht zwei Mal sagen. Ich schoss vorbei an Kisten und Truhen und mit den Armen voran durch Spinnweben und Staub in den hintersten Winkel des Bodens. Da stand er bereits mit weit ausgebreiteten Armen und man sah nur noch seine Haartolle über das Etwas herauswinken, das er da in Händen hielt. „Aber was war das nur? Auf alle Fälle größer als ich und irgendwie blass und ledrig und voller schwarzer Flecken. Ich besah es mir genauer. Platt wie eine Flunder, konnte man Kopf, Schwanz und vier Beine ausmachen. Erinnerungen ans Senckenberg Museum klopften an. In Gedanken raste ich durch alle Hallen, vorbei an der Schlange, die gerade das Wildschwein verschlingt, um die Skelette der Dinosaurier herum, zu den Exponaten im oberen Geschoss. Nichts, rein garnichts schenkte mir Erkenntnis darüber, was da gerade jetzt vor mir in der Luft hing. „Na, was sagst Du?“ tönte eine Stimme durch das schwebende Monstrum. „Mmmhhhh, was ist das denn?“ nuschelte ich durch den Kopf des Dings zurück. „Kleene, das erkennt man doch, da fehlt doch nur der Panzer.“ „Da fehlt doch nur der Panzer?“ „Klar der war schon weg als ich sie gefunden habe. Und jetzt gehört meine Schildkröte Dir!“ Es war tatsächlich eine völlig vertrocknete Riesenschildkröte oder das was von ihr übrig war. Voller Begeisterung fiel ich ihr und dem Onkel um den Hals. Die könnte ich im Gartenhäuschen ausstellen und mir immer neue Geschichten dazu einfallen lassen. Ich wäre die einzige stolze Besitzerin eines solchen Exponats. Wie meist rannte meine Fantasie vor mir her.

In diesem Moment ließ der Onkel los und die Schildkröte kippte über meine Schulter. Beinahe wäre ich zu Boden gegangen. Ich rückte also das gute Stück zurecht und zerrte es hinter mir her über die Stiege nach unten, über den Hof ins Wohnhaus. „Schaut Euch das mal an, das hat mir der Onkel geschenkt, dafür dass ich das Gänse-Ei getrunken habe.“ Mit letzter Kraft hievte ich die Schildkröte hoch und sah mich um. Mit knallroten Wangen hoffte ich auf Applaus. Doch es blieb still. Meine Mutter, leichenblass, versuchte ein Lächeln. Um sie herum Gesichter des Erstaunens und des Ekels.

Da zerschnitt mein Vater die Ruhe im Raum. Kam mir zur Seite und beglückwünschte mich. Alles applaudierte und die Schildkröte kam erst mal wieder ins Freie. Der Tag fand sein Ende und man nahm Abschied. „Vergiss die Schildkröte nicht, kleine Heldin“, sprach das Önkelchen mit Wohlwollen und der blaue Fleck auf der Lippe tanzte verschmitzt. Pfeilspitzenblicke meiner Mutter waren der Dank. Aber nichts würde mich davon abhalten, meine neue Freundin mit mir auf den Rücksitz zu setzen. „Ha, wäre doch gelacht.“ Da nahm sie mir mein Vater, mit Blick auf meine Mutter, aus der Hand und brachte sie im Kofferraum unter. Ein letztes Winken des Önkelchens und schon verschwanden wir in der Abendsonne.

Zu Hause angekommen, zerrte ich sie direkt aus dem Kofferraum und wollte mein Beute in mein Zimmer bringen. „Schatz, ich bitte Dich. Du kannst das von Fäulnis befallene Etwas nicht ins Haus bringen. Das kann doch nicht Dein Ernst sein.“ Das Ende vom Lied. Ich habe eine Nacht in meinem Zimmer, vier Wochen im Gartenhäuschen und eine offizielle Beerdigung rausgehandelt. Mehr konnte auch mein Vater nicht für mich rausschlagen.

So war ich für kurze Zeit in meinem Leben Abenteurer, Museumsdirektor, Geschichtenerzähler und freier Redner am Grab meiner Schildkröte. Doch noch lange Zeit danach war ich die, die Äpfel mit Stumpf und Stiel gegessen und rohe Gänse-Eier getrunken hat. Ja, über die Zeit wurden es in meinen Geschichten ein paar Eier mehr. Und die, die sich getraut hat, die Schildkröte anzufassen – ganz im Gegensatz zu meiner Mutter und vielen meiner Freunde.

 

(Voller Dankbarkeit für Dich Onkel Paul. Oft müssen Dir die Ohren geklingelt haben, wenn ich die Geschichte wieder und wieder erzählt habe)

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6 Gedanken zu “Frau trägt Schildkröte

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