Das Kleid des Tages

Mir trägt der Tag
bis in die Nacht
Gedanken zu.
So schräg in mancher Stunde.

Mal laufen und dann rennen sie
Runde stets um Runde.

Ich stehe still
lausch ihrem Takt
all den sanften Schlägen.
Schon ist’s als würde sich daraus
ein Mosaik wohl legen.

Mir trägt der Tag
bis in die Nacht
ein allzu buntes Kleid.
In Schwarz gehüllt
seh ich es an
und verspüre Leid.

Ihre schönste Erinnerung an den Tag der Scheidung

Sie stiefelte mit hoch gezogenem Kragen aus dem Haus, frösteln tut es einen schon bei dem Gedanken, öffentlich mal eben viele gemeinsame Jahre als gescheitert zu erklären. Eigentlich ist es doch nur das Gefühl, selbst gescheitert zu sein, das aus dem Tag der Scheidung einen Nebeltag werden lässt. Sie zog also den Kragen noch höher, schüttelte sich und ging mit erhobenem Haupt aus dem Haus. Ein wenig Stolz sollte man möglichst bewahren.

Auf dem Weg zum Auto schlängelte sich der Weg am Briefkasten vorbei, und sie öffnete ihn mutig. Sie dachte, an einem Tag wie diesem, kann unmöglich auch noch so etwas wie eine Rechnung darin sein. Als er sich knarrend öffnete, nahm sie im Augenwinkel schon das rosa des Papiers wahr. „Na super“, dachte sie bei sich und griff mutig in das Maul des Löwen hinein und zog die kleine Karte heraus. „Bitte holen sie mich auf der Post ab“, stand in winzigen Lettern auf dem Kärtchen.

Sie zuckte zusammen, dachte aber still bei sich: „Was soll schon passieren“. So hielt sie mit dem Auto kurz darauf vor der kleinen Post, ging hinein und hielt schon fast trotzig dem guten Mann am Schalter das kleine Pappkärtchen entgegen. Er verschwand in dem anliegenden Nebenraum und sie sah ihm ungläubig nach. Als er wieder um die Ecke bog, lächelte er sie verschmitzt an, zumindest kam es ihr in dem Augenblick so vor, und überreichte ihr ein Paket. Sie nahm es, lächelte ihm zu, während sie so tat, als hätte sie auch nur im Ansatz einen Schimmer davon, wo es herkam. Im Auto setzte sie es vorsichtig auf dem Beifahrersitz ab, behielt es aber aus dem Augenwinkel fest im Blick. Warum sie es nicht gleich geöffnet hat, fragt sie sich noch heute.

So fuhren also ihr Paket und sie zum bevorstehenden Scheidungstermin. Wie immer war sie spät dran, nun, so ganz spurlos gehen Jahre gefüllt mit italienischer Lebensweise auch nicht an einem vorbei. Zum Glück ergatterte sie einen letzten Parkplatz direkt vor dem Gerichtsgebäude, klemmte ihr Auto in die verbleibende Lücke, schnappte ihre Tasche und stürmte die alte Treppe des Gerichtsgebäudes hinauf, den Gang entlang, bis sie vor dem genannten Saal ankam. Ihr Mann, noch war er das ja schließlich, war schon da und saß leichenblass gegenüber der schweren Holztür, die sie aktuell noch vom Geschehen trennte. Als sie kam, sah er auf, lächelte sie an und meinte:“ Das kann wohl noch eine Weile dauern.“ Während sie ihn noch erstaunt musterte, drangen Stimmen durch die Holztür und schnell wurde ihr bewusst, wer auch immer die Menschen waren, die da gerade versuchten, ihre Leben voneinander zu lösen, die hatten definitiv ein ganz anderes Problem.

Sie zuckte zusammen, denn mitten in ihrem Gedanken riss jemand die Tür auf und stürmte in Begleitung eines Anwalts aus dem Raum. Schreien und Unmut drang an ihr Ohr und plötzlich war ihr klar, warum ihr Mann so blass war. Vom Gefühl war es ähnlich einem komplizierten Eingriff beim Zahnarzt, und der Patient der vor einem dran ist, schreit vor Schmerzen, als würde man ihm gerade bei lebendigem Leib die Innereien einzeln heraus drehen. Der Gedanke fesselte sie, als die schreiende Gruppe auch schon zurück kam und, noch immer laut tobend, wieder in dem Saal verschwand. Sie sahen sich an und in ihren Augen spiegelte sich eine Antwort auf die jetzt im Raum stehende Frage. Nein, sie würden es so nicht haben wollen. Noch in diesem Gedanken verhaftet, flog abermals die Tür des Saales auf und nun stürmte offensichtlich die Frau, mit dem Anwalt ihrer Wahl, keifend an ihnen vorüber, um Minuten später wieder im Saal zu verschwinden.

Sie wollte nur noch raus. Da endlich bog ihre Anwältin in den Gang ein und kam zu ihnen herüber. Sie drehte den Kopf zur Seite, lauschend das Ohr in Richtung Tür und sagte:“ Ich glaube das dauert noch.“ So gingen ihr Mann und sie hinaus, einfach Luft und Abstand zu diesem Getobe, welches ja zum Glück wenigstens nicht das ihrige war. Auf der Straße angekommen, fiel ihr das Paket wieder ein. Sie entschuldigte sich und rannte zu ihrem Auto. Zog das Paket heraus und trug es vorsichtig zur nächsten Parkbank. Warum sie das tat? Ich habe keinen blassen Schimmer. Aber tendieren Menschen nicht schon mal dazu, in Stresssituationen absonderlich zu reagieren?

Sie setzte sich neben das Paket und besah es sich in Ruhe, bevor sie es vorsichtig aus dem Packpapier wickelte. Eine wunderhübsche Geschenkverpackung mit selbst gemalten kleinen Episoden darauf, an die sie sich alle sofort erinnerte, kamen zum Vorschein. Da wusste sie, woher das Päckchen kam. Freunde hatten es für diesen Tag und nur für sie gepackt. Endlich war Platz für ein paar Tränen, wenngleich es in diesem Moment doch eher Freudentränen waren.

Der Park, die Parkbank, das Gerichtsgebäude, ihre nebligen Gedanken,
alles versank in diesem Päckchen, während nicht nur in ihr plötzlich die Sonne wieder aufging.

Was aber war in dem Päckchen? Dürfte sich der eine oder andere neugierig fragen…..

Sie möchte es Euch verraten. Einfach ein paar sehr persönliche Gesten, die in einem Moment wie diesem Halt und das Gefühl geben können, man ist nicht alleine auf der Welt und das Leben nach diesem Tag erwartet einen bereits.
Ein Lächeln, Dankbarkeit und einfach ein gutes Gefühl hat es ihr geschenkt.

Kürzlich schickte sie mir eine kleine Übersicht und das nachfolgende Märchen,
mit den folgenden Worten:

Ich erlaube Dir heute einen kleinen Blick in diese meine ganz persönliche Schatzkiste. Vielleicht möchte ja doch einmal Jemand eine ähnliche Kiste im Zuge der Scheidung oder eines anderen Schicksalsschlags eines Freundes oder einer Freundin verschicken.
Ein Auszug aus dem Inhalt meiner Schatzkiste:
> Eine Schildkrötenmama mit einer kleinen Schildkröte auf dem Rücken
> Ein selbstgeschriebenes Märchen
> Eine handsignierte Single von Heintje: Scheiden tut weh
>  und den vielleicht schönsten, persönlichsten Brief, den ich je bekommen habe

Das Märchen, Autor mir bekannt
Mit den besten Wünschen ihm zu seinem heutigen Geburtstag und meinem Dank,
die Neuauflage seiner Worte.

Das Märchen vom Eichhörnchen, dem Marder und der Schlange

Es war einmal ein junges Eichhörnchen, das lebte in einem großen Wald. Das Eichhörnchen war jung und sehr schön. Es hatte einen großen, buschigen Schwanz, sein Fell glänzte und seine Augen funkelten wie Edelsteine, wenn es mit seinen Freunden zusammen war und erzählte.  Das Eichhörnchen hatte viele Freunde, die alle gut zu ihm waren. Sie brachten ihm viele Nüsse für den langen Winterschlaf, die Bärenfamilie lud es zu feinem Honig ein und die Vögel des Waldes pflückten große Beeren,  um sie ihm zu schenken. Das Eichhörnchen träumte davon eines Tages zu heiraten und Kinder zu haben
und glücklich in seinem Wald zu leben.

Eines Tages traf das Eichhörnchen einen Marder. Der sah sehr gut aus, so richtig schlank und rank. Er konnte sehr schnell rennen und viele Tiere bewunderten ihn. Er kam aus einem anderen Wald und hatte viele interessante Geschichten von fremden Wäldern und den Siedlungen der Menschen zu erzählen. Das Eichhörnchen verliebte sich sehr in ihn und bald feierten sie eine schöne Hochzeit mit allen Tieren des Waldes. Kurz darauf kam auch schon Nachwuchs und das Eichhörnchen glaubte sich am Ziel seiner Träume.
Der Marder allerdings, liebte das Familienleben nicht so sehr. Er beachtete die Freunde
vom Eichhörnchen kaum, weshalb sich viele abwandten. Der Marder mochte lieber die Autos in den Wohnsiedlungen außerhalb des Waldes, bei denen er gerne die Kabel durchbiss. Er besuchte auch regelmäßig die Nachbarwälder, wo er sich mit wilden Tieren
und anderem Gesindel traf. Oft war er tagelang nicht zu hause und das Eichhörnchen fühlte sich oft alleine und traurig.

Eines Tages, der Marder war schon wieder tagelang nicht nach Hause gekommen, fegte ein
ganz schrecklicher Sturm über den Wald. Riesige Tropfen fielen vom Himmel, so dass viele Höhlen überschwemmt wurden. Ein stürmischer Wind fällte kleine und schwache Bäume und die Tiere fürchteten sich sehr. Zum Glück kannte sich das Eichhörnchen in seinem Wald sehr gut aus. Es packte sein Kind, kletterte auf den stärksten Baum im Wald, wo es sich und sein Kind in einem geschützten Loch im großen Stamm in Sicherheit brachte.
Der Marder war weit weg und Niemand wusste, wo er war und was er trieb.

Als das Eichhörnchen nach dem Sturm auf den Waldboden zurückkehrte traf es auf die Schlange. Niemand im Wald mochte die Schlange. Sie war böse und fraß kleine Tiere,
auch Eichhörnchen, in einem Stück auf. Das Eichhörnchen wollte schon flüchten, da hörte
es die Schlange weinen und um Hilfe bitten. „Ich bin unter diesem umgestürzten Baum
eingeklemmt und niemand will mir helfen, weil ich keine Freunde habe“, sagte die Schlange. Das Eichhörnchen hatte erbarmen und es holte den Hirsch, der mit seinem
großen Geweih den Baumstamm hochhob, so dass die Schlange sich befreien konnte. Kaum war sie frei, das Eichhörnchen wollte schon weiter springen, da reckte sich die Schlange senkrecht gegen den Himmel und ein blaues Licht umgab sie plötzlich.
Unter den staunenden Augen des Eichhörnchens verwandelte sich die Schlange in eine
schöne Fee und sie sprach:“ Du, liebes Eichhörnchen, hast mir geholfen, obschon ich im Körper dieser Schlange gefangen war. Damit hast Du mich befreit. Ich bin die gute Waldfee
und kenne Dich schon lange. Ich weiß das Du ein schweres Leben hast und dass Dich Dein Marder im Stich lässt und betrügt. Ich würde Dir gerne helfen, Dich von ihm zu trennen und wieder so glücklich zu werden, wie du früher warst.“ Das Eichhörnchen war verblüfft.
Es stimmt, dass es sich vom Marder trennen wollte, aber es hatte Angst alleine mit seinem Kind zu leben und allen Gefahren des großen Waldes ausgesetzt zu sein. Das erklärte sie der guten Waldfee. Diese dachte lange nach. Dann sagte sie: „Ich verstehe Deine Bedenken. Aber ich habe eine Idee. ich verwandle Dich und Dein Kind in Schildkröten.
Dann hast Du zwar keinen schönen buschigen Schwanz mehr, aber der starke Panzer
ist auch hübsch und wird Euch vor allen Gefahren schützen. Ihr werdet damit in Ruhe und
Sicherheit leben können.“ Gerne stimmte das Eichhörnchen zu und – schwupps -war es eine Schildkröte und auch sein kleines Kind auf dem Rücken wurde zu einem süßen
Schildkrötchen.

Die beiden gingen zurück in ihre Wohnung und als der Marder, der von diesem ganzen Sturm gar nichts mitbekommen hatte, nach Hause kam, erkannte er sein Eichhörnchen
und sein Kind nicht wieder. Sie verwiesen ihn der Tür und niemand weiß, wo er sich bis heute herumtreibt. Die Schildkröten, die einmal Eichhörnchen waren, aber lebten glücklich und sicher unter ihren Panzern. Alle Tiere des Waldes wurden wieder ihre Freunde und freuten sich mit ihnen. Die Augen der Schildkröten funkelten wie Edelstein

Treppenstufen in den Himmel führen vorbei am Kleiderschrank

Sie hatte in ihren jungen Jahren schon einiges gesehen und erlebt. Gerade mal 8 Jahre alt schien sich ihre kleine Welt zu spiegeln, wo auch immer sie entlang ging. Die Welt hatte ihren Zauber nicht verloren, so sah sie noch gerne hinter die Spiegel und besuchte dort Welten, die anderen verschlossen schienen. So zumindest erschien es ihr zu dieser Zeit. Sie lebte in einem großen weißen Haus mit knallroten Fenstern. Oft warf sie sich mit der Schulter gegen das Gartentor, das sich widerspenstig in den Weg stellte, wenn sie nach der Schule nach Hause kam. Unter den alten Korkenzieherweiden schritt sie durch das vielschichtige Grün bis zur Haustür oder rannte direkt durch den Garten hindurch, ums Haus herum, die schwere, aus Steinen gelegte Treppe hinauf zur Terrasse mit der weinbewachsenen Pergola. Wenn es die Zeit war, griff sie ein paar Trauben und steckte sie zufrieden in den Mund, bevor sie mit ihren kleinen Fäusten an die Terrassentür hämmerte und das Haus in Leben versetzte.

Drei Generationen huschten an manchen Tagen herbei. Oft aber war es ihre Urgroßmutter, die öffnete, um sie zu begrüßen. Es war noch nicht lange her, da haben vier Generationen beschlossen, hier in genau diesem selbstgebauten Haus mit den roten Fenstern ab jetzt gemeinsam zu leben. So wurde das neue Heim schnell in all seinen Etagen eingelebt.

Im Souterrain die Yogaschule und die Massagepraxis, im Zwischenstock zogen die Eltern mit ihr und dem Hund ein und fast ganz oben lebten ab jetzt die Urgroßmutter, die Großmutter und die Katze. Ganz oben aber, da fand alles einen Platz, was in keine der Etagen passen wollte. Alles sortierte sich und sie gewöhnte sich an ihr neues Zimmer.
Viel zu groß schien es ihr und die vertrauten Ecken des alten kleinen Zimmers fehlten ihr noch immer. Die Geborgenheit aber, die stattdessen mit einzog, ließ sie diese Kleinigkeit schnell vergessen.

Wie so viele Tage zuvor, empfing sie auch an diesem Mittag die Urgroßmutter mit den vertrauten Worten: „Mein Hemmele“. Nahm sie in den Arm und ließ sie raten, welche Speise wohl heute auf den Tisch kommen würde. Es war meist nicht schwer, denn oft wurde sie am Vortag gefragt, was sie denn gerne essen mag. Und das Repertoire der Möglichkeiten war groß. Nur die geliebten Dampfknöpfe mit Vanillesoße, die hatten kein Datum. Sie kamen manchmal eben einfach so auf den Tisch und entlockten dem kleinen Wesen jedes Mal Freudenschreie.

Wer aber war sie? Sie war nicht klein für ihr Alter, trug dichtes schwarzes Haar, das mit den Jahren immer länger wurde und blickte naturgegeben mit ernsten Augen in die Welt, die ihr noch so viele Rätsel aufgab. Sie konnte sich in dem Wunder einer Raupe verlieren, saß lange still, wenn sie etwas genauer betrachten wollte. Sie liebte es, sich in selbsterdachten Welten zu verlieren, und gerne versuchte sie ihren besten Freund dazu zu bewegen, sich mit ihr dorthin zu bewegen. „Brumm, brumm, quietsch, hup hup“, bekam sie meist zur Antwort. Denn er, ihr engster Vertrauter, bewegte sich, egal wohin, zu dieser Zeit zumeist noch im selbsterdachten Auto im Kopf. So ging sie, gerade acht Jahre alt, durch die Tage. Erlebte Schönes, weniger Schönes und manches, das Sie lieber nicht erlebt hätte. Ihre Urgroßmutter aber war für sie das Schutzschild, dass sie mutig immer weiter stapfen ließ. Selbst hatte diese schon so viel erleben müssen. Sie wusste um das Schutzmäntelchen, das jede Seele einmal braucht. So bewahrte sie dem kleinen schwarzen Haarschopf die Welten, die dem Mensch den erhoben Kopf auf den Schultern immer wieder schenken.

Emilie, die Urgroßmutter, hatte ihren ersten Mann bereits im 1. Weltkrieg verloren und sich seitdem mit Flucht, der Sorge um ihre Familie von Land zu Land bewegt und ist viele Male umgezogen. Zuletzt ist sie mit ihrer Familie, die damals aus ihrer Tochter und zwei Enkelkindern, einer Tochter und einem Sohn bestand, mit der Hilfe von Verwandten in dieser Großstadt angekommen. Dort lebte sie mit ihrer Tochter im Westend. Bis eben die verbliebenen vier Generationen beschlossen, gemeinsam das Haus mit den roten Fenstern zu beziehen.
Emilie, liebevoll Ömchen genannt, war evangelisch, ging aber nur selten zur Kirche. „Mit Gott kann ich überall sprechen“ hörte der schwarze Schopf sie gerne einmal sagen. Sie hatte damals aus der Not heraus einen Schokoladenladen eröffnet, in Zeiten als Frau noch nicht selbstständig war. Sie arbeitete auch bei der Post und versuchte eben alles, um ihre Familie über Wasser zu halten, bis ihre Tochter diese Aufgabe eines Tages übernahm. Sie lebten nach allen Schicksalsschlägen ohne Männer. Eben Generationen starker Frauen. Seit diesem Tage war sie immer für ihre Tochter, die beiden Enkel und jetzt auch für die Urenkelin da. Sie hielt die Generationsfäden in der Hand. Nie hatte das kleine Mädchen sie verbittert gesehen. Immer hielt sie den Horizont weit und die kleinen und großen Herzen warm. Gerne auch mit Grießbrei und Graupensuppe, mit denen sie eben auch den kleinen Schwarzschopf schon in frühesten Kindheitstagen fütterte.

So lebten sie hier hinter den roten Fenstern, als das kleine Mädchen wieder einmal an die Terrassentür klopfte. Hund und Katze überholten wie meist die alte Frau, die mit ihren 86 Jahren mittlerweile am Stock ging. Ja, das kleine Mädchen kam gerne nach Hause zu dieser Zeit. Und während das Kind ihr in den Arm fiel, den Ranzen in die Ecke warf und hoch unters Dach stürmte, waberte der Duft der geliebten Dampfknöpfe durchs Haus.
Am Tisch angekommen, erzählte das Mädchen von ihrem Tag und füllte mit ihren Worten die offenen Ohren der Urgroßmutter. Die Dampfknöpfe fanden ihren Weg und zufrieden saßen die beiden zusammen. „Na Hemmele, was darf es denn morgen zu essen sein? Ich weiß, mit den Dampfknöpfen kann‘s nicht mithalten.“ Lachend hielt sie die beiden in Falten geworfenen Hände über dem Bauch gefaltet und sah liebevoll das kleine Wesen an. „Fischstäbchen mit Bratkartoffeln und Gurkensalat, das würde ich schon auch gerne mal wieder essen.“ Das kleine Wesen schmunzelte ihre Urgroßmutter freudig an. So war es festgehalten und zufrieden nahm das Mädchen die Uroma in den Arm und entschwand zu ihren Hausaufgaben und zum Klavierspiel. Am Abend saßen dann alle zusammen, drei Frauen tischten auf und der Vater des kleinen Mädchens, thronte als Hahn im Korb inmitten des Geschehens und kredenzte die gewünschten Getränke. Danach wurde noch Malefiz gespielt und dann verschwanden alle unterm Dach und vier Generationen sahen gemeinsam die Nachrichten und ein wenig 1., 2. oder 3. Programm.

In Ermangelung von Platz, thronte das Mädchen auf ihrem Yak. Ein riesiges Wesen bestehend aus vielen Wollfäden. Gerne ritt sie mit ihm noch eine Runde in den ausklingenden Abend, der altersbedingt für sie immer zuerst zu Ende war.
Einen Kuss für jeden und schon entschwand sie in ihr Bett eine Etage tiefer, die vertrauten Geräusche noch im Ohr, als ihr die Augen auch schon zufielen.

Sie träumte wild in dieser Nacht, so dass der anbrechende Tag sie nur müde anblinzelte. So trottete sie ins Bad und zum Frühstück und da fielen ihr die Fischstäbchen ein und schon wurde der Tag schneller. „Hup hup quietsch“, begrüßte sie ihr Freund am Gartenzaun und schon verschwanden die beiden mit ihren Rädern im Nebel des Morgens.

Irgendwie war sie unruhig heute in der Schule, legte wirre Muster aus den Plättchen des Geometrie- Kastens. Formte Fischstäbchen und bekam Hunger. Nach der Schule schwangen sie sich wieder auf die Räder und rasten mit Karacho über die kleine Brücke zurück nach Hause. „Hup hup. Adeeeeeeeee“, klang es in ihr Ohr als sie mit dem Fahrrad an der Hand versuchte, dem heimtückischen Gartentor eine geeignete Öffnung abzukämpfen. Fahrrad in den Ständer und ab zur Haustür dieses Mal, denn das ging schneller.

Sie klingelte Sturm, doch als die Tür sich öffnete stand da ihre Mutter eine halbe Treppe höher. „Keine Fischstäbchen ging es dem Schwarzschopf durch den Kopf.“ „Schatz, das Essen muss noch warten, der Uroma ist aufgefallen, dass sie keine Fischstäbchen da hat und da Du sie Dir gewünscht hast, ist sie eben noch mal los.“Beruhigt lief sie die Treppe hinauf, begrüßte ihre Mutter und verschwand in ihrem Zimmer.
„Nur für mich ist sie extra noch mal los“ ging es ihr durch den Kopf, als es erneut klingelte. Sie schoss los und öffnete ihrer Urgroßmutter die Tür, ging ihr entgegen und strahlte sie an. „Danke, dass Du nur für mich noch mal los bist. Soll ich Dir was abnehmen?“ „Nicht doch Hemmele, die paar Fische kann ich gerade noch tragen. Ich ruf Dich, sobald sie in der Pfanne sind.“ Mit diesen Worten nahm sie die kleine Tasche und begann den Aufstieg zum Herd.
Das Mädchen schloss die Tür zum Treppenhaus und hüpfte vorfreudig von einem Fuß auf den anderen abwartend, wann die Stimme von oben zu hören wäre. Ihre Mutter ging mit einem kopfschüttelnden Lächeln an ihr vorbei ins Wohnzimmer und dann passierte es.

Eine Stimme, aber sie rief nicht nach ihr. Ein Schrei und dann hörte das Mädchen Gepolter, dumpfe Schläge und dann Stille. Sie rannte zur Tür, riss sie auf und trat ins Treppenhaus. Vor ihren Füßen lag die Urgroßmutter mit geschlossenen Augen, überall war Blut. Blut auch an den weißen Rauputzwänden, die ihren Weg begleitet hatten.
Plötzlich riss man an den Schultern des kleinen Mädchens, eine Hand hielt die Augen zu, die andere zog sie in die Wohnung. Schubste sie in ihr Zimmer und schloss die Tür. „Bleib da drin bitte“, hörte sie die flehende Stimme ihrer Mutter durch die Tür.

Da stand sie, hörte die Panik in den Stimmen ihrer Mutter und ihrer Oma vor der Tür. Sie drückte das Ohr fester an die Tür, wollte hinaus, aber sie sollte ja nicht. So lauschte sie angestrengt, während die eben gesehenen Bilder ihr durch den Kopf rasten. Das Herz schlug wild und sie wusste nicht was es war, aber plötzlich hatte sie Fischstäbchen vor Augen und ihr wurde schlecht. Dann Stille, lauschende Stille, unruhige Stille. Einfach zu still für all die rasenden Gedanken. Blaulicht erschien geräuschvoll in der kleinen Straße. Lichtgewitter, tosende Geräuschkulisse. Das Mädchen stand wie festgenagelt inmitten des Zimmers. Ärzte rannten von ihrer Mutter herbeigewunken ins Haus. Nachbarfenster öffneten sich. Im Haus Stimmen. Die Tür ging auf. Die Mutter des Mädchens sah herein mit verweinten Augen. „Alles wird gut, Schatz. Bitte bleib einfach in Deinem Zimmer.“ Die Tür ging zu.

Da stand sie, wieder allein. Schaute mit großen fragenden Augen und wollte nur eins, ihre Großmutter in den Arm nehmen. Einfach in ihrem Schutz verschwinden.

Es war ein neues unbekanntes Geräusch was Minuten später die Ruhe durchschnitt, lauter und lauter wurde. Das Mädchen ging wie ferngesteuert auf den Balkon ihres Zimmers, der zur Straße lag. Das Geräusch blähte sich auf und wie aus dem Nichts kam Wind auf. Die Korkenzieherweide vor ihrem Fenster warf tanzend Blätter ab und Äste brachen.
Es wurde unerträglich laut und dann setzte wie aus dem Nichts ein Hubschrauber vor dem Balkon zur Landung an. Dann ging alles sehr schnell. Türen schlugen, das Gartentor ächzte und heraus wurde, auf einer Trage, ihre Urgroßmutter gefahren. Man verlud sie in den Hubschrauber und Sekunden später ging erneut ein Sturm durch die Bäume und der Hubschrauber verschwand in den Wolken.

Die Mutter des Mädchens kam ins Zimmer, nahm sie in den Arm und weinte. „Deine Urgroßmutter ist schwer gestürzt, sie wird jetzt ins Krankenhaus geflogen. Deine Oma fährt hinterher. Wir können nur beten, es sieht nicht gut aus.

Langsam ging das Mädchen aus dem Zimmer, ihrer Mutter hinterher. Bog ab und trat in das leere Treppenhaus. Ihre Urgroßmutter war weg. Die Tasche mit den Fischstäbchen lag noch auf dem oberen Treppenrand. Wie im Traum griff die kleine Hand an die raue Wand und strich über eine der Blutspuren. Da kamen die Arme wieder, zogen Sie in die Wohnung und schlossen die Tür erneut. Lange saß sie mit ihrer Mutter im Wohnzimmer und wartete auf einen Anruf. Als er kam hörte das Mädchen nur Schädelbasisbruch, Koma und es sieht nicht gut aus.

Als die Oma kam, fuhr die Mutter in die Klinik, sie selbst aber durfte nicht mit. Sie war noch zu klein und durfte nicht mit hinein. Sie wollte doch nur ihre Urgroßmutter in den Arm nehmen und ihr sagen, wie unendlich leid es ihr tat, dass sie sich ausgerechnet an diesem Tag Fischstäbchen gewünscht hatte. So vergingen die Wochen zäh wie Kaugummi, noch immer lag das „Ömchen“ im Koma. Im Haus wurde es sehr still und das Mädchen nahm sich vor, niemals im Leben würde sie mehr Fischstäbchen essen, wenn nur die Urgroßmutter wieder nach Hause kommen würde. Doch sie kam nicht. Nach sechs Wochen im Koma starb sie und nicht einmal zur Beerdigung durfte das Mädchen mitgehen. So war es damals, man wollte sie doch nur schützen.

Doch der kleine Schwarzschopf hatte seine Angst und seine Schuld bereits bei der Urgroßmutter gelassen. In all den Wochen hatte sie die Nähe des Ömchens gespürt. Und in der Nacht ihres Todes hatte das kleine Mädchen aussprechen können, was sie all die Wochen mit sich trug. Sie erwachte in der Nacht zur Todeszeit, schlug die Augen auf. Die Schranktür war geöffnet und davor stand ihr Ömchen. Sie stand da in der vertrauten Kittelschürze, unverletzt und lächelte das kleine Mädchen an. Der kleine Schwarzschopf spürte keine Angst und setzte sich im Bett auf. Sah seine Urgroßmutter an und erzählte ihr von all ihren Sorgen und vom Vermissen und von dem Gefühl der Schuld. Lange stand die Urgroßmutter noch an ihrem Bettchen, hörte zu und lächelte.
Das kleine Mädchen spürte, wie sich der liebgewordene Schutzmantel sacht um ihre Schultern legte und war dankbar, dass die Urgroßmutter ihren Weg zu ihr gefunden hatte und Abschied nahm. Als sie ging, lächelte das Mädchen und winkte ihr mit Tränen in den Augen nach. Doch wann immer sie in den nächsten Jahren alleine die Wohnung, in der die Urgroßmutter gelebt hatte, betrat, spürte sie die Nähe.

Die Geschichte hat sie nur wenigen Menschen erzählt. Denn Menschen verstehen manchmal nicht.

Als ich dem Mädchen viele Jahre später begegnet bin, hat sie mir die Geschichte erzählt und man spürte, wie dankbar sie für das Erlebte war. Und ja, heute isst sie auch mal ein Fischstäbchen und denkt an die wunderbare Zeit, die ihr mit ihrer Urgroßmutter vom Leben geschenkt wurde.

Nur das mit den Dampfknöpfen geht ihr nicht aus dem Kopf, denn niemand hatte ihr das Rezept geben können. Sie aber versucht immer mal wieder, welche zu machen, bis vielleicht eines Tages eines der Rezepte ihr den Geschmack und die Erinnerung wieder bringt.

Wenn Dörfer sterben

Es ging der Metzger und der Bäcker
danach schloss man die Schenke zu.
Der Bauer fuhr das letzte Heu
sein Vieh fand seine letzte Ruh.

Es gingen Menschen, die einst kamen
ein letztes Mal zum Dorf hinaus.
Und an der Straßenecke dort
schaltet man das Licht nun aus.

Das Dorf legt sich zum Sterben nieder
die Natur gewinnt an Raum.
Ein letztes Haus und Augenpaar
träumt sterbend seinen letzten Traum.