Beletage, Zeitreise einer Kindheitserinnerung

Ich lebte nicht immer hier, aber die Tage und auch so manche Nacht tauchte ich ein in diese Welt, die mir so fremd und so aufregend zugleich erschien. In weißem Lackregenmäntelchen und schwarzen Lackschuhen, mit der viel zu großen Kindergartentasche um die Schulter, blickte ich mit großen ernsten Augen in die Welt. Ohne Frage, schon der Anblick der alten Gründerfassaden, wirkte ohne Zutun einschüchternd. Zeitgleich aber brannte Neugier in mir und die Vorfreude auf die täglichen Entdeckungsreisen. Der Kindergarten der alten Nonnen sah mich nicht lange, denn nachdem meine Augen nur noch traurig schauten, behielt man mich erst einmal zu Hause, bevor man einen anderen Kindergarten fand. Schon der Weg zum Haus, eine Zeitreise durch alte Baumbestände hindurch, zu der schweren hölzernen Tür.

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Wenn dann die Flügel der Tür aufschwangen, trat man ein in eine andere Welt. Das breite Treppenhaus mit den schweren Stufen, den wohlgeformten Balustern und den hohen Decken. Die Kapitelle und Basen die mich glauben ließen, ich würde gleich der Königinmutter persönlich vorsprechen. Wenn ich hinauf schritt und an der Wohnungstür der Beletage ankam, standen dort zumeist schon meine Urgroßmutter und meine Großmutter und ließen meine Mutter und mich herein. Einmal eingetreten stand man in der großen Eingangshalle, von der ab all die vielen Zimmer sich in alle Himmelsrichtungen unendlich weit zu erstrecken schienen. Der Kronleuchter der bedrohlich über unseren Häuptern schwebte, ließ die gedrechselten Beine und profilierten Kugelfüße des Tisches und der Stühle noch prächtiger erscheinen.

Dunkles Holz herrschte vor, doch die hohen weißen Wände und die stuckverzierten Decken, ließen ihnen den Platz den sie brauchten, um ihre Bedrohlichkeit zu verlieren. Da alle Frauen hier arbeiteten, saß ich oft alleine im Turmzimmerchen und träumte davon, wie Rapunzel mein Haar herab zu lassen… Ein runder gemütlicher Raum, mit kleinen Tischen und einem großen Sofa. Auf der Mitte des kleinsten Tisches thronte sie, das Ziel meiner Begierde. Eine kleine Porzellanschale mit geschlossenem Deckel. Sie gehörte meiner Urgroßmutter und nur ich hatte ihre Erlaubnis sie zu öffnen. Wenn ich den Deckel hob, drang der Duft von Veilchenpastillen in meine Nase und kurz darauf sprang eine erste Pastille wie von alleine in meinen Mund.

Nebenan kamen die ersten Damen zu meiner Mutter, sie liebten den kleinen Raum in denen sie verschönert wurden, während im großen ehemaligen Ballsaal, meine Großmutter ihre Yogaschüler zu mehr Beweglichkeit und innerer Gelassenheit führte. Wenn ich mich langweilte huschte ich durch die Eingangshalle, hinein in den langen dunklen Gang, der ins Nichts zu führen schien.

Ich atmete immer tief ein bevor ich meinen ganzen Mut zusammen nahm und ihn entlang rannte. Doch da, am Ende des Tunnels, ging schon die Tür auf und ein Lichtschein nahm auch diesem Abenteuer die Spannung. Da stand sie, mit ihrem unnachahmlichen Lächel, dem leicht untersetztem Körper dem altmodischen Kleid und darüber wie immer ihre Küchenschürze, Mitten in der großen blau-weiß gefliesten Küche. Die Hände wurden sofort an der Schürze abgewischt, dann nahm sie mich in die Arme und hob mich hoch, damit ich in den Töpfen, die schon munter auf dem alten Gasherd vor sich hin dampften nachsehen konnte, was es heute zu essen geben würde. Ihre Hände würde ich noch heute unter tausenden heraus erkennen.Da schwebte ich zwischen Kochtopfdämpfen und Vorfreude. So gerne habe ich bei ihr in der Küche gesessen und alles probiert, was sie nur für mich gekocht hat.

Danach wurden die Wasserboiler angewärmt und sie schob mich durch den nächsten Gang ins Bad. Hier war es immer mollig warm und das einzige Licht, dass irgendwie viel zu orange war, lies den Raum und mich in einem magischen Zauber versinken. Wenn ich hier alleine war hörte ich dem Blubbern des Boilers zu und stellte mir vor, ich säße in einem großen Suppentopf und würde gleich von Kannibalen verspeist. Die Angst kroch mir in die Knochen und ich sah zur Tür, in der Hoffnung, dass sie gleich herein käme und mich in ein wärmendes Handtuch wickeln würde. Immer kurz bevor ich dachte, ich halte es nicht aus, ging die Tür auch schon auf…. „ Komm mein Hemmele“, sagte sie dann und hielt mir mein Handtuch hin. Stolz, dass ich der Gefahr wieder einmal erfolgreich entkommen war, strahlte ich sie an.

Bis heute weiß ich allerdings nicht, wie man das Hemmele schreibt, aber in meiner Vorstellung war es ein weiches kuscheliges Lamm. Nein, ich habe auch niemals nachgeschaut oder gefragt, denn das Bild hat mir gefallen so wie es war. Niemals hätte ich ihr von den Kannibalen erzählt, auch wenn sie bestimmt warmherzig gelacht hätte. Doch sie lachte sowieso schon über meine wilde bunte Welt, die ich mir in der Zeit hier, nach und nach erdacht hatte und die mich auch ins hinterste Zimmer führte, dass klein und gemütlich mit einem großen Bett und tausenden von Kissen auf mich wartet. Ich glaube ich habe niemals mehr so gut geschlafen, aber die Kraft der Bilder in meinem Kopf, die habe ich nie mehr verloren und das, macht mich auch heute noch zu einem glücklichen, bunten Träumer. Schön wenn man für Momente einfach noch einmal in diese Zeit eintauchen kann, Gerüche, Gefühle einen erinnern und man merkt, dass die eigene Kindheit doch auch viele wundervolle Seiten hatte.

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