Das Experiment mit der Zeit

Sie stand mit ihrer Bol wie jeden Morgen an der Balkontür. Hinaustreten war in ihren kuscheligen schwarzen Socken nicht möglich, denn ein Rinnsal neben dem anderen überquerte die Fliesen, um sich an den Seiten zu sammeln und die einladende Stätte ohne Überdachung wieder zu verlassen. Nicht ohne wechselseitig ein leises *Platsch*, von sich zu geben. Vorsichtig schob sie einen Zeh hinaus. „Nur einmal den Boden berühren“, waren ihre Gedanken, als der Zeh langsam durchweichte. Ruckartig zog sie ihn zurück, während sie über sich selbst lächelte. Unternahm sie doch diesen Versuch jedes Mal wenn es regnete und jedes Mal mit demselben Ergebnis. Doch diese Zeit und diesen kleinen Glückmoment wenn sie den klitschnassen Zeh auf das Parkett klatschen lies, bevor sie ihre Socken wechselte, wollte sie sich nicht nehmen lassen.

Zehn bewusst lang ausgeführte Schritte, führten sie zurück in den Raum. „Raum und Zeit“, plätscherten ihre Gedanken in ihre ersten wachen Minuten. Sie war auf dem Weg in die Küche, als die Kirchtürme und derer befanden sich gleich drei in ihrem Blickfeld, aufmachten die volle Stunde einzuläuten. „Zeit in Tönen, eine schöne Vorstellung“, lächelte sie sich selbst im Küchenfenster zu, während sie die Kirchturmglocken bei ihrer Arbeit beobachtete. „Schon komisch“, dachte sie. „Wenn man da steht und spürt, dass Zeit kommt und geht und irgendwo dazwischen, springt man rein in seine Zeit und schwimmt ein Stück ganz bewusst mit.

Eine Kaffeetasse später war sie bereits in den nächsten Gedanken eingetaucht. Ihr wurde mit einem Mal klar, dass Zeit erleben eigentlich nichts anderes war als Wellenreiten. Man sieht die Welle kommen, man spürt ihren Sog und schwingt sich mit viel Glück darauf, um sie ein Stück zu begleiten und sich von ihr tragen zu lassen. So beschloss sie in den nächsten Minuten, die Zeit einmal bewusst wahrzunehmen. Schließlich ist sie es ja auch, die uns mitnimmt durch das Leben. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, neben dem aufgeweichten Zeh auch noch die erste Welle zu verpassen und baden zu gehen. Zur Sicherheit stellte sie die Bol auf dem Tisch ab und stellte sich bewusst mit beiden Beinen in die Erde verwurzelt, mitten in ihr Wohnzimmer. Als sie die Augen schloss, hörte sie das leise Rauschen der Waschmaschine, den morgendlichen Treppengang in der Nachbarwohnung, den Marder aus dem Nebenhaus, aber die Wellen der Zeit blieben stumm.

Sie aber hatte sich etwas in den Kopf gesetzt und wenn dem so war, dann konnte sie durchaus viel Geduld aufbringe. Die Waschmaschine schwieg, einen kurzer Moment der Stille trat ein. „Wo ist nur der Sog, den sollte ich schon spüren oder?“, klopfte es leise an ihre Stirn. Zeit, Sog, Wellen, Jahre, Monate, Tage, Stunden und mittendrin stand sie, genau jetzt im Hier. „Hier läuft die Zeit immer noch vor mir her“, knurrte sie sich und ihr Experiment leise an. Dabei schob sie sachte den nassen Zeh nach vorne. Die Hoffnung mit geschlossenen Augen auf diesem Weg, die Welle zu erspüren, klappte auch nicht. Dafür stand sie nun reichlich unbequem, wie eine Ballerina, die mitten in einer Figur erstarrt war im Raum. „Also zurück in die Ausgangsposition“, befahl sie ihrem Körper, der wenigstens zu gehorchen schien. „Also noch einmal, es muss doch nur so wimmeln hier von Wellen“, spornte sie sich selbst an. „Schließlich läuft die Zeit doch“, bestätigte sie sich sofort mit einem Blick auf die Uhr. Ein bisschen fühlte sie sich langsam aber sicher wie ein Schwimmer im Nichtschwimmerbecken. Wo sollten denn die Wellen herkommen, wenn das Wasser keine Tiefe hatte. Tiefe brauchte sie also. Sturm in einem Wasserglas klappte aber doch auch oder? Sie konnte doch schließlich nicht, um das richtige Gefühl zu bekommen, dass ganze Wohnzimmer fluten. „Schnapsidee“, pflaumte sie sich selbst an. So komme ich der Sache nicht auf den Grund.

Traurig schüttelte sie erneut unwillig den Kopf. Da hatte sie vor Jahren schon sämtliche Armbanduhren abgeschafft, um sich nun doch wieder mit Zeit zu beschäftigen. Ohne Uhren, hatte sie es zumindest geschafft, Vorfreude mit einer gewissen Spannung zu füllen. Doch auch dieser Trick brachte nicht mehr wirklich was, seit Handys Einzug in ihr Leben gehalten hatten. „Überall wird einem mittlerweile die Zeit vorgehalten“, dachte sie traurig. „Wie soll man denn die Wellen der Zeit finden, wenn man sie überall bewusst gefangen hält. Uhren, Zeitzonen, Jahreszahlen, Geburtstage…… mitten in diese Gedanken, breitete sie die Arme aus, setzte sich in Bewegung und ihr befreites Lachen dröhnte durch das Haus, als sie mit ausgebreiteten Armen die Treppe hinauf ins Bad schwebte. „Was geschehen war?“ fragt ihr Euch.

Ganz einfach, sie hatte es begriffen. Sie stand doch längst auf ihrer Welle und das schon seit dem Tag ihrer Geburt. Ihr Leben lief mit ihr und ihre Zeit eben auch. Sie kannte ihre Welle und all die sie umgebenden Wellen. Solche die sich auftürmten und lange Zeit neben der ihren liefen, solche die sacht vorüber plätscherten. Genauso wie die, die aus dem Nichts kamen in dem sie auch wieder verschwanden und solche die sich irgendwo brachen und in viele kleine Wellen zerfielen. Die Arme noch immer ausgebreitet stand sie vor dem Spiegel. „Meine Zeit, mein Leben und meine Erfahrungen,“ grinste sie sich frech im Spiegel an, bevor sie in die Klamotten sprang, die Haare kämmte und sich aufmachte, sich mal wieder dem Sturm der Zeit zu stellen.

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