Grüne Socken im Tweed Jackett

Als der Wind begann tanzende Blätter über die Gullideckel zu fegen, schlug sie den Kragen seines Tweed Jacketts unbewusst hoch. Wütend stapft sie barfuß durch die Pfützen, die sie begonnen hat zu zählen. „Warum ist es nicht Nacht, wie es sich für ein ordentliches Drama gehört?“ brummelte sie eben noch undeutlich, nun nach dem Zusammentreffens ihres Zehs und dem spitzen Stein darunter, schon ungleich lauter. Es ist Herbst, ihr Weg führt sie durch buntes Laub und das wirre Treiben der Stadt. Es ist helllichter Tag und als die Sonne sich unverschämt unter ihre Augenlider gräbt, wird ihr klar, was für ein Bild sie vermutlich gerade abgeben musste.

Sicherlich, die meisten Menschen werden sie nicht kennen und nur eine Weile dieses Bild von ihr namenlos mit sich tragen. Vermutlich interessiert es Niemanden, warum sie nur mit einem Tweed Jackett und einer Pyjamahose, die sie zum Glück wenigstens ihr Eigen nennt, hier ist. „Vielleicht ist es Euch sowieso Allen egal, ob ich jetzt hier oder sonst wo, Laub aufwirbeln“, denkt sie wutschnaubend und vergräbt ihr Füße im nächsten Blätterhaufen. „ Mir ist es nicht egal, ob ihr hier alle nackt herum lauft, kein Bisschen“, zischt sie aufgebracht und lässt sich erschöpft auf eine Bank fallen.

Die Bank gehört zu einer Bushaltestelle, diese zu vielen Bushaltestellen und diese wiederum zum Hauptbahnhof dieser verdrehten Stadt. Da sitzt sie nun, die Linie 61 fährt gerade vor und die Linie 2 schließt die Türen, abfahrbereit. Sie sah der 2 hinterher und fragte sich, ob es wohl auch eine Linie 22 geben würde. Gepäck hatte sie nicht und ein Ziel, nun seit etwa 30 Minuten hatte sie auch das aus den Augen verloren. Was war, war schon weit weg, ihre Zukunft aber kroch ihr gerade jetzt eiskalt die Beine herauf.

Sie wünschte sich sie hätte zumindest ein Paar Socken dabei, als ihre Finger im Jackett zufällig auf ein paar Herrenhandschuhe stießen. Sie zog sie heraus, hielt sie neben ihre Füße und beschloss, dass es genau die richtige Größe war. Sie zog sie über und die Knie anschließend bis ans Kinn hoch. Vor ihr sammelten sich gerade die nächsten Fahrgäste, in der Hoffnung schnell zu entkommen. Sie aber sah trotzig in jedes einzelne Gesicht, bis ihr Blick auf ihre nun froschgrünen Füße fiel. Da begann sie zu lächeln, entschuldigte sich bei den umstehenden Herrschaften für ihren Aufzug, stand auf und stolzierte auf ihren neuen grünen Socken, nach Hause. „Schon schön wenn man das Drama alleine wieder lösen kann, wenn man die Chance hat nach Hause zu gehen“, ihre Gedanken folgten ihren Schritten.

Zu Hause angekommen drückte sie auf die Klingel und wartete. Als sich die Tür einen Spalt weit öffnete, hielt sie einen Fuß hinein. „Ich habe mir nur ein paar neue Socken und eine Portion Glück besorgt“, sagte sie theatralisch, als sie an ihm vorbei stapfte. „Das nächste Mal verlasse ich Dich Nachts, das kommt besser!“ warf sie dramatisch zurück über ihre Schulter an ihn gewandt, bevor sie das Jackett auf den Boden gleiten lies, die Froschsocken abstreifte und in der Pyjamahose im Bad verschwand.

Er aber nahm das Jackett, stopfte ein paar neue Handschuhe, dieses Mal in Knallrot in die Seitentaschen und hing es liebevoll und griffbereit wieder an die Eingangstür.Als er nach dem Wein und dem Käse griff, den er bereitgestellt hatte, freute er sich schon jetzt auf den nächsten theatralischen Abgang. „Wo bleibst Du denn“, trällerte es gutgelaunt aus dem Bad und als sie abtauchte, um als Schaummonster parat zu sein, wenn er endlich mit ernster Miene eintrat, waren ihre liebevollen Gedanken für ihn so klar wie nie.

„Wie dankbar ich doch bin, dass er mich so nimmt wie ich bin“, lächelte sie liebevoll in sich hinein und rutschte freiwillig auf die Seite mit Stöpsel.

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