1001 Nacht oder die Geschichte von meinem Erzähler

Einst als der Tag auf unsanfte Weise direkt in die Nacht fiel, fiel er in mein Leben. Nicht, dass er sich sofort zu erkennen gab. Nein, subtil und auf seine ihm sehr eigene Art, hinterließ er in Worten auf meinen Augen ein merkwürdiges Gefühl. Schlecht fühlte ich mich, es war kein guter Tag. Ein schwerer Tag, der mich einfach mitgenommen hatte und von dem ich gerade eben erst, völlig benommen, zu meiner Haustür herein gefallen war.

Ich sehnte mich nach Ruhe, Stille und einer Möglichkeit, endlich einmal mit mir und meiner Trauer alleine zu sein. Müde rieb ich mir die Augen nachdem mein Sohn bereits in seinem Bett verschwunden war. Was aber sollte ich tun, wenn mir nicht überhaupt erst einmal dieser Tag bewusst werden würde.

Mein Innen klebte wie Klettband an meinem Herzen und zog es bis in die Eingeweide. Trauer nannte man wohl, was ich da spürte. Man sagt ja, Trauer sei gut und man solle sie zulassen. Das geht besonders gut, wenn der eigene Vater gerade gestorben ist, und man all die Menschen zu trösten und halten versucht, die viel bestürzter scheinen als man selbst. So hatte ich meine Maske durch den Tag getragen, gehalten, zugehört und mich einfach mitziehen lassen.

Nun aber saß ich da, alleine. „Endlich alleine“ seufzte ich still in mich hinein. Das Bild meines Vaters, von dem ich erst vor wenigen Stunden Abschied genommen hatte, noch vor Augen. Ein sehr persönlicher Moment mit ihm, der sich nun mit den verrücktesten Emotionen bei mir meldete. Ich wollte einfach nur da sitzen und sein.

Musik, die mich so wundervoll auf all meinen Fahrten von und zur Klinik begleitet hatte, lief im Hintergrund. Aber nicht nur sie hatte mich begleitet. Es war wohl eine glückliche Fügung des Schicksals, dass eben Er, mein Erzähler, im richtigen Moment mich gesucht und sich dabei gefunden hat. Er wurde Halt in einer Zeit, in der ich so stark sein wollte und durch ihn wohl auch war. Erzähler sind verrückte Menschen, aber eben solche lesen Fassaden nieder und überspringen Mauern und die höchsten Zäune.

Sie haben Zeit, das vielleicht zeichnet sie aus. Ein Erzähler lebt mit dir in all den Geschichten, die er auf wundersame Weise vorzutragen weiß. Kein Anspruch, nur ein gutes Gefühl gebend: „Ich bin gerne da, nur bitte lass es mich nicht erklären. Das nämlich braucht Zeit und einen freien Kopf. Du wirst ihn irgendwann haben, Dir die Zeit nehmen, wenn sie gekommen ist.“ Das oder ähnliche Worte drangen damals an mein Ohr, wenn ich das Gefühl hatte, ich müsste es hinterfragen. Komischerweise konnte ich, die gemeinhin schlecht annimmt und sehr ungern mal schwach erscheint, loslassen und mich einlassen auf die Nächte, die mir die Energie für die Tage brachten.

Während ich noch so dasaß, die Bilder des vergangenen Tages im Kopf, kam er mir in den Sinn und eine große Dankbarkeit überkam mich. „ Du bist sehr gut darin, Dir die Dinge zu nehmen, die Du brauchst“ hat er einmal zu mir gesagt. Ich war mehr als empört und wollte zum 1001 Mal den Rückzug antreten. „Ich meine das durchaus positiv und ich weiß, wovon ich rede“ plätscherten wie nebenbei diese Worte in mein Ohr. Auf wundersame Weise entspannte ich mich und konnte es annehmen, aber das macht Märchen wohl aus.

Die Kerzen dieser Nacht brannten nieder und mit ihr verlosch das körperliche Sein meines Vaters. Ich spürte ihm nach, kann noch jetzt seinen großen Rauschebart in meinen Fingern spüren, den ich die letzten Wochen und Monate immer wieder beruhigend glatt strich. Ich vergaß seine Augen, die, zum Schluss fast vollständig gelähmt, mich immer schwerer ansehen konnten. Darüber schob sich ihr wildes lebenslustiges Funkeln, das ich aus meiner Kindheit kannte. Der Übermut und der Tatendrang, der ihn und damit auch mich, immer wieder getrieben hat. Dankbar stellte ich fest, dass wir zusammen genommen eine gute Zeit hatten, die ich auch zum Ende hin mit ihm verbringen durfte. Ich stand auf und ließ los, stellte mich auf meinen Balkon und sah seiner Seele hinterher.

Mit einem guten Gefühl kletterte ich in mein Bett, denn die Stimme meines Erzählers war schon am Telefon, wie all die Nächte zuvor. Nur eine Frage, kein Gespräch, zu dem ich auch gar nicht in der Lage gewesen wäre. „Soll ich Dir vorlesen oder was erzählen“ drang seine wundervoll vertraute Stimme in mein Ohr. Ich musste nicht antworten, nur die Augen schließen und mich hinein fallen lassen in die Stimme, die anfing zu lesen und erst aufhörte, wenn ich gleichmäßig zu atmen begann.

Heute sind es viele Tage und Nächte mehr als 1001 Nacht und ein Märchen ist es nicht. Aber eine Geschichte, die ich ganz bestimmt später mal noch meinen Enkeln erzählen werde.

Das Besondere ist, wenn ein Erzähler in dein Leben tritt, bringt er dich dazu, all die Geschichten in dir aufzuspüren. Manche Erzähler ziehen weiter, wenn ihre Geschichten ihre Kraft entfaltet haben, andere aber bleiben, wenn man sie darum bittet. Das sind Jene, die gerne 1001 Nacht mit dir erleben möchten und ihre Geschichten fortan nur noch dir schenken. Ich wünsche jedem Menschen, der dunkle Nächte erleben muss, dass sein Erzähler es spürt und da ist, bevor sich der Mond vor die Sonne schiebt.

 

Zaungast Deines Lebens

Eben noch tranken wir gemeinsam Espresso.
Nun steh ich hier und sehe Bäume himmelhoch
Blätter wispern leise von dem was war
und in mir lächelst Du
unser erstes und letztes gemeinsames Lächeln.

Hände reichten einander
und doch wollten sie lieber Deine Hand halten.

Haltlos sickert Dein Leben
durch all die Hände, die ihre Herzen zu Dir trugen.

Ich nur ein zufälliger Zaungast Deines Lebens
sehe auf die andere Seite voller Leben,
gestärkt durch einen Moment,
den Du einfach so verschenkt hast an mich.

Ich lege die Hand auf den Zaun
Sehe auf zu Deinem bunten Haus mit den offenen Türen
sehe Dich unter dem alten Walnussbaum
und mein Blick folgt Dir durch die Wipfel
über den Zaun hinweg in die Weite des Himmels.

Als ich gehe, höre ich in Deinem Garten
die Stimmen Deiner Lieben.
Als ich das Gartentor schließe
wie den Deckel eines geliebten Buches
spüre ich Dankbarkeit für den kurzen Moment
in dem ich Zaungast in Deinem Leben sein durfte.

Ein Tritt mit Zuversicht

Er war klein, sehr klein. Wenn er die Arme nach oben streckte, reichte er seiner Mutter gerade mal bis eine Hand breit über die Hüfte. Kreativität wurde ihm in die Wiege gelegt, ebenso wie sein unerschütterlicher Optimismus. Er lernte mit Bedacht, seine kleine, große Welt lieben.

Die Jahre verflogen und mit ihnen wuchs sein Selbstbewusstsein.

Eines Tages, er streckte wieder einmal seine Arme, zuerst nach dem Tritt auf den er bedächtig stieg und dann nach Oben, war er angekommen.

Ein Kuss besiegelte ihren Weg.

Sie begegneten sich auf Augenhöhe, in einer Welt die Menschen zusammenführt die Wenn und Aber verlachen.

Nachtschlafmütze

Schlaf legt sich auf die Augenlider,
die Nachschlafmütze wird aktiv.
Als ich dann doch und immer wieder,
leise nach Dir rief.
Rief mich doch mal der Vorlaufwecker,
wäre ich, lang vor Dir wach.
Doch leider ist es, die alte Aufdeckdecke,
die mich hält wach die ganze Nacht.
So schieb ich mich auf das Wegschiebsofa,
rücke ran den Vorstelltisch,
denn hier in meinem Weinglas selig,
dein Widerspiegel hart mich trifft.
So schenk ich Dir mein Ausschütthorn,
kippe Liebe aus.
Ich setze voller Hoffnung wieder,
die Nachschlafmütze auf.

Die kleine Meerjungfrau

Ich wachse fest
das gibt mir den Rest.
Sehe das Wasser blau
bau mir ein Nest.
Ich sitze und
wachse fest.
Als kleine Meerjungfrau
die sich treiben lässt.
Ich sitze und
ich wachse fest
auf dem Felsen
das Wasser
mich durchnässt.
Ich sitze
werde über die Jahre zu Stein
der einfach nur wird und wartet.
Ich sitze
Werde über die Jahre Fels
der hohe Fluten erwartet.
Ich bin durch Dich
in den Stein gewachsen
verlier im Zeitrausch
meine mir eigenen Achsen.
Ich bin durch Dich
ein Kreidefelsen,
über den sich massig
die Wellen wälzen.
Nun hab ich mich
zum Berg erhoben
zu seinen Füssen
plätschern sanfter die Wogen.
Ich bin fest
in meiner Struktur
doch wandelbar.
Tief darunter sitzt ich
die kleine Meerjungfrau
an ihrem Joch.

Schwarz-weiß oder Farbeimer?

„Ein Tag für eine Geschichte“, dachte sie sich und zog ihren Lieblingsblock hervor.Ein weißes Blatt blickte ihr klar entgegen. Würden die geschundenen Wände um sie herum, nur schon wieder so strahlen. Aber es war kein Tag zum Wände streichen und wenn, sollten diese sich doch Bitteschön anderen Farbtönen hingeben. „Heute ist ein Tag zum Schreiben, fertig aus basta!“ bestärkte sie sich selbst, und zog ihren Bleistift hervor.
Ohne den Hauch einer Ahnung, was sich gleich auf dem Papier zeigen sollte, flossen ihre Gedanken direkt in ihre Finger, um über die Bleimine gleitend, sichtbar auf dem Papier zu landen.
So vergingen die Minuten.
Buchstaben, Worte und Sätze tröpfelten gelassen auf das Papier. Als sie schließlich aufsah, konnte sie diese wohl erkennen, mehr aber auch nicht. Kein Wort passte zu seinem Nachbarn und nach jedem Punkt, hätte sie am liebsten ein Fragezeichen platziert. Grimmig starrte sie auf das mittlerweile schwarz-weiße Papier. Würden sich hier wenigstens formschöne chinesische Schriftzeichen blicken lassen, hätte sie vermutlich noch versöhnlich gelächelt. Denn die hätte sie dann einfach über die Schandflecke an den Wänden hängen können.
Doch das Einzige was sie erkannte, waren inhaltslose, leere Gedanken.
Nicht zumutbar um sich länger damit zu beschäftigen, aber ein guter Grund,
endlich nach dem bereitstehenden Farbeimer zu greifen.

Beletage, Zeitreise einer Kindheitserinnerung

Ich lebte nicht immer hier, aber die Tage und auch so manche Nacht tauchte ich ein in diese Welt, die mir so fremd und so aufregend zugleich erschien. In weißem Lackregenmäntelchen und schwarzen Lackschuhen, mit der viel zu großen Kindergartentasche um die Schulter, blickte ich mit großen ernsten Augen in die Welt. Ohne Frage, schon der Anblick der alten Gründerfassaden, wirkte ohne Zutun einschüchternd. Zeitgleich aber brannte Neugier in mir und die Vorfreude auf die täglichen Entdeckungsreisen. Der Kindergarten der alten Nonnen sah mich nicht lange, denn nachdem meine Augen nur noch traurig schauten, behielt man mich erst einmal zu Hause, bevor man einen anderen Kindergarten fand. Schon der Weg zum Haus, eine Zeitreise durch alte Baumbestände hindurch, zu der schweren hölzernen Tür.

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Wenn dann die Flügel der Tür aufschwangen, trat man ein in eine andere Welt. Das breite Treppenhaus mit den schweren Stufen, den wohlgeformten Balustern und den hohen Decken. Die Kapitelle und Basen die mich glauben ließen, ich würde gleich der Königinmutter persönlich vorsprechen. Wenn ich hinauf schritt und an der Wohnungstür der Beletage ankam, standen dort zumeist schon meine Urgroßmutter und meine Großmutter und ließen meine Mutter und mich herein. Einmal eingetreten stand man in der großen Eingangshalle, von der ab all die vielen Zimmer sich in alle Himmelsrichtungen unendlich weit zu erstrecken schienen. Der Kronleuchter der bedrohlich über unseren Häuptern schwebte, ließ die gedrechselten Beine und profilierten Kugelfüße des Tisches und der Stühle noch prächtiger erscheinen.

Dunkles Holz herrschte vor, doch die hohen weißen Wände und die stuckverzierten Decken, ließen ihnen den Platz den sie brauchten, um ihre Bedrohlichkeit zu verlieren. Da alle Frauen hier arbeiteten, saß ich oft alleine im Turmzimmerchen und träumte davon, wie Rapunzel mein Haar herab zu lassen… Ein runder gemütlicher Raum, mit kleinen Tischen und einem großen Sofa. Auf der Mitte des kleinsten Tisches thronte sie, das Ziel meiner Begierde. Eine kleine Porzellanschale mit geschlossenem Deckel. Sie gehörte meiner Urgroßmutter und nur ich hatte ihre Erlaubnis sie zu öffnen. Wenn ich den Deckel hob, drang der Duft von Veilchenpastillen in meine Nase und kurz darauf sprang eine erste Pastille wie von alleine in meinen Mund.

Nebenan kamen die ersten Damen zu meiner Mutter, sie liebten den kleinen Raum in denen sie verschönert wurden, während im großen ehemaligen Ballsaal, meine Großmutter ihre Yogaschüler zu mehr Beweglichkeit und innerer Gelassenheit führte. Wenn ich mich langweilte huschte ich durch die Eingangshalle, hinein in den langen dunklen Gang, der ins Nichts zu führen schien.

Ich atmete immer tief ein bevor ich meinen ganzen Mut zusammen nahm und ihn entlang rannte. Doch da, am Ende des Tunnels, ging schon die Tür auf und ein Lichtschein nahm auch diesem Abenteuer die Spannung. Da stand sie, mit ihrem unnachahmlichen Lächel, dem leicht untersetztem Körper dem altmodischen Kleid und darüber wie immer ihre Küchenschürze, Mitten in der großen blau-weiß gefliesten Küche. Die Hände wurden sofort an der Schürze abgewischt, dann nahm sie mich in die Arme und hob mich hoch, damit ich in den Töpfen, die schon munter auf dem alten Gasherd vor sich hin dampften nachsehen konnte, was es heute zu essen geben würde. Ihre Hände würde ich noch heute unter tausenden heraus erkennen.Da schwebte ich zwischen Kochtopfdämpfen und Vorfreude. So gerne habe ich bei ihr in der Küche gesessen und alles probiert, was sie nur für mich gekocht hat.

Danach wurden die Wasserboiler angewärmt und sie schob mich durch den nächsten Gang ins Bad. Hier war es immer mollig warm und das einzige Licht, dass irgendwie viel zu orange war, lies den Raum und mich in einem magischen Zauber versinken. Wenn ich hier alleine war hörte ich dem Blubbern des Boilers zu und stellte mir vor, ich säße in einem großen Suppentopf und würde gleich von Kannibalen verspeist. Die Angst kroch mir in die Knochen und ich sah zur Tür, in der Hoffnung, dass sie gleich herein käme und mich in ein wärmendes Handtuch wickeln würde. Immer kurz bevor ich dachte, ich halte es nicht aus, ging die Tür auch schon auf…. „ Komm mein Hemmele“, sagte sie dann und hielt mir mein Handtuch hin. Stolz, dass ich der Gefahr wieder einmal erfolgreich entkommen war, strahlte ich sie an.

Bis heute weiß ich allerdings nicht, wie man das Hemmele schreibt, aber in meiner Vorstellung war es ein weiches kuscheliges Lamm. Nein, ich habe auch niemals nachgeschaut oder gefragt, denn das Bild hat mir gefallen so wie es war. Niemals hätte ich ihr von den Kannibalen erzählt, auch wenn sie bestimmt warmherzig gelacht hätte. Doch sie lachte sowieso schon über meine wilde bunte Welt, die ich mir in der Zeit hier, nach und nach erdacht hatte und die mich auch ins hinterste Zimmer führte, dass klein und gemütlich mit einem großen Bett und tausenden von Kissen auf mich wartet. Ich glaube ich habe niemals mehr so gut geschlafen, aber die Kraft der Bilder in meinem Kopf, die habe ich nie mehr verloren und das, macht mich auch heute noch zu einem glücklichen, bunten Träumer. Schön wenn man für Momente einfach noch einmal in diese Zeit eintauchen kann, Gerüche, Gefühle einen erinnern und man merkt, dass die eigene Kindheit doch auch viele wundervolle Seiten hatte.